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Afghanistan : Der Emir von Herat läßt grüßen

Berlins UN-Botschafter Pleuger in Herat: Gouverneur Khan ließ sich vertreten Bild: AP

Die Provinz Herat wahrt im neuen Afghanistan ihre Eigenständigkeit. Darauf ist der mächtige Gouverneur Ismail Khan äußerst bedacht. Besuch aus dem Westen kann er schon mal versetzen.

          Gütig lächelt der Mann mit dem weißen Vollbart und dem Turban Einwohnern und Besuchern Herats auf Fotos und Wandgemälden entgegen. Mit diesem Anblick mußten sich am Montag die Mitglieder der Delegation des Sicherheitsrats begnügen, als sie die westafghanische Stadt nahe der iranischen Grenze besuchten: Ismail Khan, der mächtige Gouverneur der Provinz Herat, hatte es vorgezogen, an einer Afghanistan-Konferenz in der Schweiz teilzunehmen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bis zuletzt hatte man in Herat nicht ausgeschlossen, daß der "Emir von Herat", wie einige ihn auch nennen, noch rechtzeitig zurück sein könnte. Aber am Morgen führte das Empfangskomitee auf dem kleinen Flughafen am Rande der Wüste, das die UN-Botschafter begrüßte, als sie aus dem Transportflugzeug der Bundeswehr stiegen, nur sein - ebenfalls weißbärtiger - Stellvertreter Hadschi Mir Khaleq an. Und statt mit Ismail Khan aßen sie später mit UN-Mitarbeitern im Garten des UN-Gästehauses zu Mittag. Über die Gründe für Ismail Khans Abwesenheit wurde in Herat gerätselt. Wollte er nicht, daß ihn seine Gäste aus New York zu einer engeren Zusammenarbeit mit der Zentralregierung in Kabul anhalten? So lautete eine Vermutung, die in Herat in diesen Tagen häufiger zu hören war, denn die UN-Diplomaten hatten als ein wichtiges Ziel ihrer Reise genannt, afghanische Warlords zur besseren Kooperation mit Kabul aufzufordern.

          Sicherer, sauberer, ruhiger

          In der Tat ist der Herrscher von Herat bisher sehr darauf bedacht, seine Eigenständigkeit zu wahren, die er sich von den Taliban blutig erkämpft hat. Das geschah auch bisher nicht zum Nachteil der Einwohner seiner Provinz, die vor allem im Vergleich zum unruhigen Norden und Süden des Landes einer ruhigen Insel gleicht, wo längst der Wiederaufbau in vollem Gange ist, den auch die UN-Botschafter mit ihrer Reise unterstützen wollen. Manchmal klingen die Antworten von Einwohnern der Stadt fast wie aus einem orientalischen Märchen, wenn man sie fragt, wer die neue Straße gebaut, die große Schulturnhalle errichtet oder die neuen Parks mit den Betonbänken aufstellen hat lassen: "Ismail Khan", erwidern sie. Talibanterror, Massenflucht und mehr als 20 Jahre Krieg haben die meisten noch in lebhafter Erinnerung und sind deshalb dankbar dafür, daß es in Herat sicherer, sauberer und ruhiger ist als in fast allen anderen Städten Afghanistans, die Hauptstadt Kabul eingeschlossen.

          Kabul ist jedoch weit weg, und Ismail Khan hat sich allen Bemühungen entzogen, ihn zu einem Eintritt ins Kabinett des Präsidenten Karzai zu bewegen; nur sein Sohn gehört ihm an. Zeitweise waren die Beziehungen zwischen Karzai und Khan gespannt - etwa, als der Präsident dem Gouverneur das Armeekommando in der Region entzog. Zur offenen Konfrontation kam es jedoch nicht, denn die Zentralregierung meidet den Konflikt über die Zolleinnahmen, die in Herat besonders ergiebig fließen. Niemand weiß es genau, aber mehr als 200 Millionen Dollar sollen es nach Schätzungen jährlich sein, die aus dem Grenzverkehr mit Iran und Turkmenistan zunächst in die Hände des dort Khan unterstehenden Zolls gelangen. An der Grenze müssen nämlich die Lastwagen umgeladen werden, denn afghanische dürfen nicht in Iran und iranische nicht in Afghanistan fahren.

          Einiges Geld bleibt in Herat hängen

          Khans Stellvertreter Hadschi Mir Khaleq hebt jedoch im Gespräch mit einer europäischen Delegation hervor, daß alle Einnahmen nach Kabul weitergeleitet und unter allen Provinzen verteilt würden. Was von dort aber zurückkomme, reiche oft gerade, um Papier und Stifte zu bezahlen, sagen Behördenchefs in Herat. Den Rest finanziere dann der Governeur - "was eben noch nötig ist". Solche Äußerungen wie der Wohlstand der noch immer vom Krieg gezeichneten Stadt lassen darauf schließen, daß doch einiges Geld in Herat hängen bleibt. Die einstelligen Millionenbeträge, die Khan nach Ansicht von UN-Mitarbeitern tatsächlich nach Kabul überwiesen hat, glichen eher einer "Spende". Mit amerikanischer Hilfe haben jetzt europäische Fachleute damit begonnen, sich einen Überblick über das Zollwesen zu verschaffen und später Verbesserungsvorschläge zu machen.

          Im Gegensatz zu anderen Kriegsherren profitiert Ismail Khan jedoch nicht vom Mohnanbau. Er hat veranlaßt, daß im vergangenen Jahr etwa 700 Hektar Anbaufläche zerstört wurden. Nach Einschätzung von UN-Experten bauen Bauern in der Region derzeit keinen Schlafmohn an, aus dem sich dann Opium gewinnen läßt. Khan geht auch auf anderen Gebieten seinen eigenen Weg. Obwohl er sich nach Ansicht von Afghanistan-Kennern in letzter Zeit stärker islamistischen Ideen zugewandt hat, fördert er zum Beispiel intensiv den Schulbesuch von Mädchen. Nach Angaben der örtlichen Erziehungsbehörde sind in der Provinz Herat 140 000 der insgesamt 320 000 Schüler Mädchen. In der vergangenen Woche nahm der Gouverneur zudem an der Eröffnung des ersten kommunalen Rundfunkprogramms für Frauen teil.

          Nicht nur Mitarbeiter ausländischer Hilfsorganisationen schätzen die Arbeitsbedingungen in Stadt und Provinz, die ihnen erlauben, nicht mehr nur Nothilfe zu leisten. Auch aus Deutschland hätte wohl mehr Unterstützung kommen können: Herat war zunächst als Einsatzort für die deutsche Isaf-Truppe im Gespräch, die jetzt in Kundus ihre Zelte aufschlägt. In Herat war man an einer internationalen Militärpräsenz nicht sonderlich interessiert. Das deutsche Interesse an Herat ist aber geblieben. In der Stadt wird von Vorbereitungen berichtet, dort bald eine deutsche konsularische Vertretung einzurichten. Es wäre die erste europäische, da bisher nur Nachbarländer wie Iran Konsulate unterhalten. Die Mitglieder der Sicherheitsratsdelegation, die der deutsche UN-Botschafter Pleuger anführt, werden schon an diesem Dienstag feststellen, daß Herat eine afghanische Ausnahme ist. Dann besuchen sie Mazar-i-Sharif: In dieser Provinz im Norden kamen auch am Wochenende bei Kämpfen verfeindeter Kriegsherren mehrere Menschen ums Leben.

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