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Afghanistan : Den Charakter des Einsatzes besichtigen

Frieden schaffen: Jung bei der Ausbildung afghanischer Polizisten durch die Bundeswehr Bild: REUTERS

Verteidigungsminister Jung konnte während seines Besuchs in Afghanistan die Einsatzrisiken seiner Soldaten buchstäblich mit den Händen greifen. Bei seinem Besuch spielte auch die Frage nach dem politischen Charakter des Einsatzes eine Rolle.

          Grotesk aufgerissen ist die metallene Wandhülle, wo die Rakete eingetreten ist. Daneben ist in dem Kantinenraum des Feldlagers Kundus eine längliche Ausbeulung zu sehen, als hätte eine Wühlmaus darunter einen Gang gegraben, bis ein zweites Loch dort klafft, wo der Gefechtskopf wieder aus der Wand gefahren ist. Dann ist er abgeprallt und endlich, ohne detoniert zu sein, zu Boden gefallen. Etwas kryptisch wirken die zwei aufgeklebten Schilder, die über der ausgebeulten Stelle hängen: „Afghanistan“ und „Deutschland“. Zwei Uhren, die die jeweilige Ortszeit anzeigten, sind bei dem Einschlag heruntergefallen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Dass sonst nichts passiert ist bei dem Angriff Ende November, ist schieres Glück, wie es die Truppen dort oben auf dem Plateau insgesamt gehabt haben. Mehr als 30 Raketen sind seit vergangenem Herbst dorthin abgefeuert worden, wo sich neben dem Bundeswehrcamp Einrichtungen der afghanischen Streitkräfte, der amerikanischen Sicherheitsfirma Dyncorps, amerikanischer Drogenbekämpfungseinheiten sowie der Flugplatz von Kundus befinden. Die Raketen russischer oder chinesischer Herstellung werden von den Angreifern nicht aus entsprechenden Werfern verschossen, sondern auf primitive Holzgestelle oder gar nur Erdhäufchen gelegt und mit einer Batterie gezündet.

          „Erfahrung vor Ort ist etwas anderes“

          Entsprechend ungezielt ist das Feuer, und zudem ist das Material offenbar von schlechter Qualität, wie die nicht explodierte Granate im Speisesaal zeigt. Doch auf die leichte Schulter wird der Beschuss nicht genommen. Gerechnet hatte man damit offenbar nicht, als das Feldlager für das deutsche Provinzwiederaufbauteam (PRT) aus dem Stadtzentrum hoch aufs Plateau verlegt wurde. Jedenfalls werden in einigen Unterkünften die schönen großen lichtdurchlässigen Fenster wieder zugemauert. Man darf annehmen, dass auch aktive Gegenmaßnahmen in der Umgebung getroffen werden, doch Einzelheiten darüber wollen die Militärs begreiflicherweise nicht veröffentlichen.

          Verteidigungsminister Jung hat direkt vor der durchbohrten Wand mit Soldaten aus dem PRT Erbseneintopf gegessen. Diesen Anblick, die Möglichkeit, die Einsatzrisiken mit den Fingern buchstäblich zu befühlen, und diese Gespräche wird er meinen, wenn er beim Resumee seiner zweitägigen Afghanistan-Reise sagt: „Die Erfahrung vor Ort ist noch etwas ganz anderes als die Erkenntnisse aus der Aktenlage oder aus Videokonferenzen.“ Man arbeite an Verbesserungen, um noch mehr Schutz der Feldlager zu gewährleisten. Jung spricht von „präventivem Handeln“.

          Es gibt auch Konzepte der Rüstungsindustrie für Systeme, die anfliegende Geschosse „abschießen“ sollen; die Bundeswehr hat hier Prüfaufträge vergeben, etwa zur Überarbeitung eines Flugabwehrsystems namens „Skyshield“. Doch das muss erst in den kommenden Wochen bei Testschießen in der Türkei seine Tauglichkeit beweisen. Bis dann über eine Beschaffung dieses oder konkurrierender Systeme entschieden wird, wird erfahrungsgemäß noch einige Zeit vergehen - zu viel Zeit, finden Soldaten im Einsatz.

          Zweifel an der „Panzerhaubitze 2000“

          Symptomatisch für die innenpolitische Debatte ist diese Einzelfrage in mancherlei Hinsicht. Ein Mittel, um sich gegen solche Angriffe zur Wehr zu setzen, könnte es beispielsweise sein, Artillerie einzusetzen. Die Niederländer haben das in den Auseinandersetzungen mit den Aufständischen im Süden Afghanistans gemacht, sie haben - unter anderem dazu - seit 2006 die von deutschen Rüstungsschmieden hergestellte „Panzerhaubitze 2000“ im Einsatz. Der Bundeswehrgeneral Kasdorf, ein Jahr als Stabschef im Hauptquartier der Afghanistan-Schutztruppe Isaf in Kabul eingesetzt, wies kürzlich darauf hin.

          Ähnlich der ehemalige Generalinspekteur Kujat, der jetzt in Radiointerviews Ausrüstungsmängel beklagte: Unter anderem fehlten Waffensysteme, mit denen man einen Gegner auf größere Distanz bekämpfen könne, ohne dass man selbst in die Reichweite seiner Waffen komme. Es gibt Soldaten, die die Tauglichkeit der Panzerhaubitze für den Feldlagerschutz bezweifeln: Erstens könne die primitive Raketenstellung erst nach dem Abschuss aufgeklärt und bekämpft werden, und dann seien die Angreifer über alle Berge. Zweitens könnten die Angreifer ihre Stellung bewusst so wählen, dass bei der Bekämpfung durch Steilfeuer Zivilpersonen getötet würden.

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