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Afghanistan : Auf der großen Bühne

Angst in Kabul: Ausländer suchen Deckung beim Taliban-Angriff vom Freitag Bild: AFP

Fast täglich ist es in den vergangenen Tagen in Kabul zu aufsehenerregenden Anschlägen gekommen. Die Taliban nutzen die Aufmerksamkeit vor der Wahl, um mit Angriffen auf Ausländer für Furore zu sorgen.

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          Die Taliban hatten sich offenbar in der Tür geirrt. Nachdem am vergangenen Freitag in Kabul die amerikanische Hilfsorganisation Roots for Peace überfallen worden war, ließ ein Taliban-Sprecher wissen, es handle sich um eine christliche Gruppe, die eine Untergrundkirche betreibe. Doch die Hilfsorganisation arbeitet daran, Landminen zu räumen, um das Land für Ackerbau urbar zu machen. Nebenan allerdings betrieben ausländische Christen einen Kindergarten. In der Gegend leben eine ganze Reihe von evangelikalen Familien, insbesondere aus den Vereinigten Staaten.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Wie durch ein Wunder wurden sie von einem Massaker verschont. Während im Nachbargebäude über mehrere Stunden lang ein Feuergefecht tobte, konnte die Polizei aus dem Kindergarten zwei Dutzend Ausländer in Sicherheit bringen, unter ihnen nach Augenzeugenberichten fünf Kinder. Auch die Mitarbeiter von Roots for Peace, zwei Amerikaner, ein Malaysier, ein Australier und ein Südafrikaner, blieben unverletzt, obwohl die Angreifer in das Gebäude vordringen konnten. Einer der Mitarbeiter versteckte sich im Schrank und türmte Kleidungsstücke über sich. Der Amerikaner blieb unentdeckt.

          „Wir haben uns daran gewöhnt“

          Fast täglich ist es in den vergangenen Tagen in Kabul zu aufsehenerregenden Anschlägen und Feuergefechten gekommen. Viele Kabulis tun das mit einem Schulterzucken ab. „Wir haben uns daran gewöhnt“, ist überall zu hören. Wer zusammenzuckt, wenn irgendwo in der Stadt eine Bombe explodiert, wird ausgelacht. Ein Polizist, der vor dem Innenministerium Wache hält, grinst nur bei der Frage, ob er Angst habe. „Im Gegenteil. Ich will die Taliban bekämpfen“, sagt er und greift demonstrativ nach seiner Waffe. Doch unter den Ausländern in Kabul und in der westlich orientierten Elite macht sich Nervosität breit: Noch nie zuvor waren sie so gezielt Angriffen ausgesetzt.

          Jedes Auto vor dem Haus wird nun misstrauisch beobachtet; die Wächter vor den Toren ausländischer Organisationen drängen Besucher beim Ein- und Aussteigen zur Eile; Geräusche wie zuschlagende Türen werden plötzlich als potentielle Gefahr wahrgenommen, Schatten im Garten für einen Angreifer gehalten. Die von Ausländern und gut situierten Afghanen besuchten Restaurants sind seit Tagen geschlossen, auf Anordnung des Innenministeriums. Seit jenem Tag in der vorvergangenen Woche, als das Serena-Hotel angegriffen und acht Gäste getötet wurden. Unter den Toten waren der afghanische Journalist Ahmad Sardar, seine Frau und zwei seiner Kinder.

          In den Tagen danach gab es überall im Land Solidaritätskundgebungen. In Kundus etwa wurde bei einer Versammlung von Journalisten ein früherer Facebook-Eintrag Sardars vorgelesen, in dem er seine nun getötete Tochter zitierte: „Papa, töten die Taliban auch Tiere?“ – „Nein.“ – „Ich wünschte, wir wären Tiere.“ Besonders die Tatsache, dass den Kindern im Serena-Hotel gezielt in den Kopf geschossen wurde, hat die Menschen aufgewühlt. Nur der jüngste Sohn, noch ein Säugling, überlebte schwer verletzt.

          Seitdem werden täglich Nachrichten über seinen Gesundheitszustand und Bilder von ihm im Internet verbreitet. Mit der Ermordung eines Journalisten haben die Angreifer ihr Ziel, höchstmögliche Aufmerksamkeit zu erregen, erreicht. Im Serena-Hotel waren zur Zeit des Angriffs zudem die meisten ausländischen Wahlbeobachter untergebracht. Viele von ihnen wurden daraufhin abgezogen, so dass nun die EU-Mission mit nur 16 Beobachtern zu den wenigen noch verbleibenden gehört.

          Doch die Welt der Wahlbeobachter ist klein, sie alle kannten jenen Wahlbeobachter aus Paraguay, der im Serena-Hotel getötet wurde; sie alle haben über Twitter live verfolgt, wie ihre Kollegen der OSZE und des amerikanischen National Democratic Institute die Stunden der Gefahr erlebten. Auch die EU-Beobachter werden sich deshalb am Wahltag kaum aus ihrem Anwesen heraustrauen. In Kabul fürchten westliche Diplomaten, die Legitimität der Wahl könnte in Zweifel gezogen werden, wenn es keine unabhängigen Beobachter gibt.

          Den Taliban gehe es um eine Machtdemonstration

          Zuletzt wurde am Samstag das Hauptquartier der Wahlkommission von einem Nachbarhaus über Stunden mit Granatwerfern und Maschinengewehren beschossen. Verletzt wurde niemand. Die Mitarbeiter der Wahlkommission meldeten sich über Twitter aus dem Bunker. Sie seien alle wohlauf. Auch hier zeigte das Vorgehen deutlich, dass es den Angreifern vor allem um Aufmerksamkeit ging. Über Stunden beherrschten sie die lokalen Nachrichten, obwohl die Mitarbeiter der Wahlkommission längst außer Gefahr waren. Eine Stunde nach Beginn der Schüsse sollte in dem Gebäude eine Pressekonferenz stattfinden. Thema: die Sicherheit bei den Wahlen.

          „Die Angriffe scheinen zu einem breiteren Versuch zu passen, Chaos und Instabilität – oder den Eindruck davon – zu schaffen“, sagt Martine van Bijlert, Ko-Direktorin des Analyseinstituts Afghanistan Analysts Network in Kabul. Den Taliban gehe es um eine Machtdemonstration. Sie nutzten die internationale Aufmerksamkeit, um der Welt – nicht zuletzt mit Blick auf den Abzug der internationalen Truppen dieses Jahr – zu zeigen, wozu sie imstande seien.

          „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen“

          Die afghanische Regierung stellt die Angriffe der Taliban als Versuche des pakistanischen Geheimdienstes dar, die Präsidentenwahl am Samstag zu behindern und Wähler von den Urnen fernzuhalten, um die Legitimität der künftigen Regierung zu schwächen. Sollte das tatsächlich das Ziel der Anschläge sein, ist noch unklar, ob es erreicht wird. Denn zumindest unter den gebildeten Eliten hat die Gewalt eher zu einer Mobilisierung von Wählern geführt.

          Ein junger Mann ließ die Taliban über Twitter wissen: „Ich habe eigentlich keine Präferenz für einen Kandidaten, aber ich werde trotzdem wählen gehen. Weil ihr versprochen habt, die Wahlen zu verhindern, verspreche ich, wählen zu gehen.“ Auch der Chef des größten afghanischen Fernsehsenders Tolo, Saad Mohseni, erklärte: „Wir werden am Samstag alle wählen gehen. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen.“ Die meisten Ausländer haben derweil längst das Land verlassen, und viele wollen erst wiederkommen, wenn Afghanistan einen neuen Präsidenten hat.

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