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Afghanistan : Auf der großen Bühne

Seitdem werden täglich Nachrichten über seinen Gesundheitszustand und Bilder von ihm im Internet verbreitet. Mit der Ermordung eines Journalisten haben die Angreifer ihr Ziel, höchstmögliche Aufmerksamkeit zu erregen, erreicht. Im Serena-Hotel waren zur Zeit des Angriffs zudem die meisten ausländischen Wahlbeobachter untergebracht. Viele von ihnen wurden daraufhin abgezogen, so dass nun die EU-Mission mit nur 16 Beobachtern zu den wenigen noch verbleibenden gehört.

Doch die Welt der Wahlbeobachter ist klein, sie alle kannten jenen Wahlbeobachter aus Paraguay, der im Serena-Hotel getötet wurde; sie alle haben über Twitter live verfolgt, wie ihre Kollegen der OSZE und des amerikanischen National Democratic Institute die Stunden der Gefahr erlebten. Auch die EU-Beobachter werden sich deshalb am Wahltag kaum aus ihrem Anwesen heraustrauen. In Kabul fürchten westliche Diplomaten, die Legitimität der Wahl könnte in Zweifel gezogen werden, wenn es keine unabhängigen Beobachter gibt.

Den Taliban gehe es um eine Machtdemonstration

Zuletzt wurde am Samstag das Hauptquartier der Wahlkommission von einem Nachbarhaus über Stunden mit Granatwerfern und Maschinengewehren beschossen. Verletzt wurde niemand. Die Mitarbeiter der Wahlkommission meldeten sich über Twitter aus dem Bunker. Sie seien alle wohlauf. Auch hier zeigte das Vorgehen deutlich, dass es den Angreifern vor allem um Aufmerksamkeit ging. Über Stunden beherrschten sie die lokalen Nachrichten, obwohl die Mitarbeiter der Wahlkommission längst außer Gefahr waren. Eine Stunde nach Beginn der Schüsse sollte in dem Gebäude eine Pressekonferenz stattfinden. Thema: die Sicherheit bei den Wahlen.

„Die Angriffe scheinen zu einem breiteren Versuch zu passen, Chaos und Instabilität – oder den Eindruck davon – zu schaffen“, sagt Martine van Bijlert, Ko-Direktorin des Analyseinstituts Afghanistan Analysts Network in Kabul. Den Taliban gehe es um eine Machtdemonstration. Sie nutzten die internationale Aufmerksamkeit, um der Welt – nicht zuletzt mit Blick auf den Abzug der internationalen Truppen dieses Jahr – zu zeigen, wozu sie imstande seien.

„Wir werden uns nicht einschüchtern lassen“

Die afghanische Regierung stellt die Angriffe der Taliban als Versuche des pakistanischen Geheimdienstes dar, die Präsidentenwahl am Samstag zu behindern und Wähler von den Urnen fernzuhalten, um die Legitimität der künftigen Regierung zu schwächen. Sollte das tatsächlich das Ziel der Anschläge sein, ist noch unklar, ob es erreicht wird. Denn zumindest unter den gebildeten Eliten hat die Gewalt eher zu einer Mobilisierung von Wählern geführt.

Ein junger Mann ließ die Taliban über Twitter wissen: „Ich habe eigentlich keine Präferenz für einen Kandidaten, aber ich werde trotzdem wählen gehen. Weil ihr versprochen habt, die Wahlen zu verhindern, verspreche ich, wählen zu gehen.“ Auch der Chef des größten afghanischen Fernsehsenders Tolo, Saad Mohseni, erklärte: „Wir werden am Samstag alle wählen gehen. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen.“ Die meisten Ausländer haben derweil längst das Land verlassen, und viele wollen erst wiederkommen, wenn Afghanistan einen neuen Präsidenten hat.

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