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Afghanistan : Amoklauf eines amerikanischen Soldaten

Bild: F.A.Z.

Ein amerikanischer Soldat hat in der Provinz Kandahar mindestens 16 Zivilisten getötet, darunter neun Frauen und drei Kinder. Der afghanische Präsident Karzai nannte die Tat am Sonntag ein „unverzeihliches Verbrechen“.

          Ein amerikanischer Soldat hat in der südafghanischen Provinz Kandahar wahllos auf Zivilisten geschossen und mindestens 16 Personen, darunter Frauen und Kinder, getötet. Mehrere Personen wurden bei dem Amoklauf verletzt. Der Soldat habe sein Lager im Kandaharer Vorort Panjway in der Nacht zum Sonntag verlassen und kurz darauf das Feuer auf drei umliegende Häuser eröffnet, teilten die örtlichen Behörden mit. Gleich nach der Tat stellte er sich und wurde von seinen Kameraden in Gewahrsam genommen. 

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der afghanische Präsident Hamid Karzai sprach in einer Mitteilung am Sonntag von einem „unverzeihlichen Verbrechen“.  Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf und der US-Soldaten in Afghanistan, General John Allen, zeigte sich „schockiert“ über den Vorfall. Das Motiv des Soldaten blieb zunächst im Dunkeln.

          Ebenfalls bekannt wurde am Wochenende, dass Isaf-Soldaten Ende vergangener Woche offenbar versehentlich vier afghanische Zivilisten in der Provinz Kapisa getötet haben. Kampftruppen, die Taliban-Kämpfern in der ostafghanischen Provinz verfolgt hätten, hätten aus ihren Hubschraubern Dorfbewohner getroffen, teilte der Gouverneur von Kapisa, Abdul Hakim Akhondzada, mit.

          Die Vorfälle könnten die Spannungen in Afghanistan abermals erhöhen. Ende Februar kam es zu landesweiten Protesten gegen die Vereinigten Staaten, nachdem in der Nähe eines amerikanischen Gefangenenlagers verkohlte Koran-Exemplare gefunden worden waren; 29 Afghanen und sechs amerikanische Soldaten kamen ums Leben, darunter zwei Militärberater. Nach zwei Wochen Eiszeit gab es dann am vergangenen Freitag einen Durchbruch in den amerikanisch-afghanischen Verhandlungen über eine langfristige strategische Partnerschaft, nachdem sich beide Seiten über eine mittelfristige Übergabe der amerikanischen Gefangenenlager an Afghanistan geeinigt hatten.

          Zudem hat eine afghanische Delegation vergangene Woche das amerikanische Gefangenenlager Guantánamo in Kuba besucht. Danach wurde bekannt, dass fünf ranghohe Taliban-Kämpfer aus Guantánamo an das Golf-Emirat Qatar überstellt werden sollen, um die angestrebten Friedensverhandlungen der afghanischen Regierung mit den islamistischen Taliban anzustoßen. Die fünf Gefangenen stimmten dem Vorschlag unter der Voraussetzung zu, dass sie in Qatar mit ihren Familien wiedervereint würden, hieß es nach amerikanischen Medienberichten aus der afghanischen Delegation. In dem Golf-Emirat dürften die Taliban-Führer unter weniger strikten Sicherheitsbedingungen festgehalten werden als in Guantánamo. In Qatar befindet sich auch das Verbindungsbüro der Taliban, das bei den Friedensverhandlungen mit der Regierung in Kabul eine entscheidende Rolle spielen soll.

          „Guantánamo Five“

          Bei den als „Guantánamo Five“ bekannten Gefangenen handelt es sich um wichtige Führungsfiguren des früheren Taliban-Regimes. Khairullah Khairkhwa war ehedem Gouverneur der Provinz Herat und gilt als einer der Gründerväter der Taliban; Fazl Mazlum war ein gefürchteter Taliban-Kommandeur und Armee-Chef während der Taliban-Herrschaft, der für eine Reihe von Massakern in der Provinz Bamiyan im Jahr 2001 verantwortlich sein soll; Nurullah Nuri war vor dem Sturz des Taliban-Regimes nach der amerikanisch geführten Invasion von Ende 2001 Chef der nördlichen Zone Afghanistans; Abdul Haq Wasiq führte den Geheimdienst des Taliban-Regimes; Abdul Nabi Omari schließlich war Taliban-Führer in der Provinz Khost. Bis vor kurzem wurden die fünf Taliban-Führer, die schon kurz nach Eröffnung des Lagers vom Januar 2002 nach Guantánamo gebracht worden waren, als „feindliche Kämpfer“ eingestuft, deren Freilassung als zu gefährlich galt.

          Die amerikanische Regierung hat der Überstellung der fünf Gefangenen offiziell noch nicht zugestimmt. Der Schritt würde sich aber in die Strategie Washingtons einfügen, Friedensverhandlungen zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban voranzubringen. Der afghanische Präsident Hamid Karzai hatte die Überstellung der Gefangenen nach Qatar lange abgelehnt und stattdessen deren Übergabe an die afghanische Regierung gefordert. Die amerikanische Regierung widersetzte sich ihrerseits der Überstellung an Kabul, weil sie die Freilassung der Gefangenen fürchtete. Der Besuch der afghanischen Delegation in Guantánamo wird als Zeichen gewertet, dass Karzai seinen Widerstand gegen den Plan aufgegeben hat.

          Republikanische Senatoren gegen die Freilassung der Taliban

          In Washington dürfte das Vorhaben der Regierung auf Widerstand im Kongress stoßen. In der vergangenen Woche hatte der Nationale Geheimdienstdirektor (DNI) James Clapper erstmals einen detaillierten Bericht über die Rückfälligkeitsquote ehemaliger Guantánamo-Gefangener vorgelegt. Danach stieg die Zahl jener ehemaligen Gefangenen, die sich definitiv wieder dem terroristischen Kampf angeschlossen haben, von Oktober 2010 bis Dezember 2011 von 81 auf 95. Das entspricht nach Erhebungen des DNI einem Anteil von 16 Prozent der insgesamt 599 aus Guantánamo entlassenen Gefangenen. Hinzu kommen aber jene einstigen Inhaftierten, die unter Verdacht stehen, sich wieder einer terroristischen Gruppe angeschlossen zu haben. Diese Gruppe umfasst 72 frühere Gefangene, weitere zwölf Prozent der Entlassenen.

          Ein Bericht einer republikanischen Abgeordnetengruppe im Kongress war im Februar zu dem Ergebnis gekommen, dass alarmierende 28 Prozent der Entlassenen den terroristischen Kampf wieder aufgenommen hätten. Mit dem jetzt vorgelegten detaillierten Bericht versucht die Regierung offenbar, Bedenken gegen die Freilassung beziehungsweise Überstellung weiterer Gefangener zu zerstreuen. Maßgebliche republikanische Senatoren und Abgeordnete haben sich gegen die Freilassung oder Überstellung weiterer Gefangener aus dem Lager ausgesprochen. In den verschiedenen Gefängnisgebäuden in Guantánamo werden derzeit noch 171 Gefangene festgehalten.

          Am Sonntag besuchte der deutsche Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel, Afghanistan und gab Hilfsgelder in Höhe 65 Millionen Euro frei.

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