https://www.faz.net/-gpf-af1g4

Vor G-7-Krisenkonferenz : Den vermeintlich engsten Verbündeten übergangen

Die Briten sind, wie andere Truppensteller-Nationen auch, von den Vereinigten Staaten abhängig. Verteidigungsminister Ben Wallace erinnerte am Montag in London daran, dass die Amerikaner mit 6000 Soldaten in Kabul präsent sind. „Wenn die zurückgezogen werden, wird das den Rahmen wegnehmen, und wir werden ebenfalls gehen müssen“, sagte Wallace, der seinerseits 1000 Mann im Einsatz hat. Die Evakuierungen seien nun „eine Frage von Stunden, nicht von Wochen“. In den letzten zehn Tagen konnten die britischen Soldaten 5725 Landsleute und Ortskräfte aus Kabul fliegen. Acht Flüge mit 1800 Leuten verließen allein zwischen Sonntag- und Montagmorgen den Flughafen in Kabul. Weitere neun Maschinen sollen bis Dienstagmorgen ausfliegen. Gleichwohl wird befürchtet, dass nicht alle, denen man helfen will, rechtzeitig aus dem Land geholt werden können.

Die Ernüchterung in London ist gewaltig. Besonders getroffen hat die Regierung, dass Biden den Abzug ohne Konsultation mit seinem vermeintlich engsten Verbündeten geplant und umgesetzt hat. Quer durch alle Parteien wird kritisiert, dass Biden den (Luftwaffen-)Stützpunkt Bagram frühzeitig aufgegeben hat, von wo die Rettungsflüge leichter hätten abgewickelt werden können. Der frühere Premierminister Tony Blair nannte die Taktik Bidens „idiotisch“, während auf den Korridoren des Regierungsviertels laut Zeitungsberichten Begriffe wie „gaga“ und „durchgeknallt“ fielen.

Die Empörung über den „Verrat“ an den Afghanen wirkt allerdings zuweilen etwas künstlich. Großbritannien hatte den Großteil seiner Soldaten schon vor Jahren abgezogen, eine Entscheidung, die im Land und im Parlament wenig umstritten war. Die geschwundene Bereitschaft, sich mit Bodentruppen in der islamischen Welt zu engagieren, war schon 2013 sichtbar geworden, als sich das Unterhaus gegen den geplanten Syrien-Einsatz des damaligen Premierministers David Cameron sperrte und damit auch die ohnehin schwach ausgeprägte Motivation Barack Obamas untergrub. Die Militärmissionen im Irak und in Afghanistan werden seit Jahren als politische Fehlinvestitionen mit oft kontraproduktiven Ergebnissen betrachtet.

Hat London versucht eine eigene Mission auf die Beine zu stellen?

Angeblich hat die Regierung versucht, nach der amerikanischen Rückzugsentscheidung eine eigene Koalition für Afghanistan auf die Beine zu stellen, ein Vorstoß, der nicht zuletzt an Paris und Berlin gescheitert sein soll. Aber Fachleute bezweifeln, dass Johnson das Vorhaben wirklich mit Nachdruck betrieben hat. Zu besichtigen ist in London vor allem rhetorisches Engagement. Außenpolitiker wie Tom Tugendhat fordern, jetzt angesichts eines isolationistischen Amerikas neue Partner zu suchen, während im Außenministerium darüber nachgedacht wird, das gerade erst vorgestellte Weißbuch zur Sicherheitspolitik „völlig neu“ zu schreiben.

„Die Vereinigten Staaten mussten mit Brüllen und Fußtritten in den Ersten Weltkrieg gezogen werden, sie traten spät in den Zweiten Weltkrieg ein, und jetzt nehmen sie Reißaus aus Afghanistan“, zitierte die Zeitung Sunday Times einen Staatssekretär. Amerika, so der Staatssekretär weiter, habe der Welt „signalisiert, dass es kein Interesse mehr an einer globalen Rolle hat, und die Auswirkungen davon sind immens“. Hinter den zum Teil wütenden Kommentaren verbirgt sich viel Schmerz über die eigene Machtlosigkeit, die sich nach Auffassung vieler mit dem Brexit noch verstärkt hat.

Weitere Themen

„Wie viele Menschen müssen denn noch sterben?" Video-Seite öffnen

RKI-Chef Wieler : „Wie viele Menschen müssen denn noch sterben?"

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat Politik und Bürger in Deutschland dazu aufgerufen mitzuhelfen, die derzeitige vierte Corona-Welle zu brechen. „Ich erwarte jetzt von den Entscheidern, dass sie alle Maßnahmen einleiten, um gemeinsam die Fallzahlen herunterzubringen", sagte er in Berlin.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.