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Afghanistan : Aber den Abzug haben die anderen betätigt

Überreste der von Taliban-Kämpfern gekaperten Tanklaster Bild: dpa

Der amerikanische Viersternegeneral McChrystal hat sich in der afghanischen Öffentlichkeit entschuldigt für die Opfer des Luftangriffs. Der deutsche Verteidigungsminister spricht indes von einem erfolgreichen Angriff gegen Aufständische. Die Aussagen scheinen aus verschiedenen Welten zu stammen.

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          Die Aussagen über den Angriff auf zwei von Taliban-Kämpfern gekaperte Tanklastwagen bei Kundus scheinen aus verschiedenen Welten zu stammen. Da kritisieren mehrere europäische Außenminister einen „großen Fehler“. Da entschuldigt sich der Kommandeur der Afghanistanschutztruppe Isaf, der amerikanische Viersternegeneral Stanley McChrystal, in der afghanischen Öffentlichkeit für die Opfer des Bombenangriffs und zeigt sich beharrlich überzeugt davon, dass auch unschuldige Zivilisten unter den Opfern seien. Nur in Berlin herrscht die regierungsamtliche Sprachregelung vor, es habe sich um einen erfolgreichen Angriff auf Aufständische gehandelt, bei dem keine Unbeteiligten ums Leben gekommen seien. „Nach allen mir zurzeit vorliegenden Informationen sind bei dem durch ein US-Flugzeug durchgeführten Einsatz ausschließlich terroristische Taliban getötet worden“, sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) und fügte hinzu: „Wer uns angreift, muss wissen, dass er bekämpft wird.“

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Martialische Ansagen des deutschen Ministers, einfühlsame Erklärungen des amerikanischen Generals - Genau entgegengesetzt scheinen die Signale gegenüber dem zu stehen, was man jahrelang und bis vor wenigen Monaten über den Afghanistan-Einsatz zu hören gewohnt war. Schließlich war Jung es gewesen, der gerne den militärisch zurückhaltenden und mit zivilem Aufbau verknüpften deutschen Ansatz als Vorbild für die anderen Nato-Staaten darstellte. Noch den von Washington ausgehenden Wechsel im operativen Ansatz stellte Jung als ein Einschwenken auf die deutsche Vorgehensweise dar. Umgekehrt muss man nicht bis zu Bushs haudegenartigem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zurückgehen, um sich an amerikanische Stimmen zu erinnern, die von den Deutschen am Hindukusch ein energischeres militärisches Vorgehen forderten. Die von einer deutschen Zeitschrift wiedergegebene anonyme Aussage, die Deutschen müssten „töten lernen“, war die diplomatischer Floskeln entkleidete Fassung solcher Forderungen.

          Schwer mit Richtlinien in Übereinstimmung zu bringen

          Der Schlüssel zu der Härte, mit der McChrystal nun die Deutschen bloßstellt, die den in Kundus verantwortlichen Isaf-Kommandeur stellen, liegt möglicherweise in seinen erst vor gut einer Woche veröffentlichten Richtlinien zur Aufstandsbekämpfung. Man sei Partner der afghanischen Bevölkerung und sei dort, um sie zu beschützen, lautet der Tenor des Papiers. Es geht noch über die von ihm (und auch schon seinem Vorgänger) mehrfach angeordnete Linie hinaus, wonach auf Luftschläge zu verzichten sei, wenn Unschuldige dabei zu Tode kommen könnten. Auch das Töten von Aufständischen ist nach seiner Rechnung kein Zweck an sich, im Gegenteil könne es wegen der Familien- und Stammesstrukturen ein Schaden sein: Töte man von zehn Aufständischen zwei, so sei das Ergebnis nicht acht, sondern unter Umständen zwanzig. „Das ist mit ein Grund dafür, dass acht Jahre voll kinetischer Aktionen mit Erfolg jeweils im Einzelnen zu mehr Gewalt geführt haben“, schreibt der General seinen Truppen ins Stammbuch.

          Verteidigungsminister Jung (CDU): „Wer uns angreift, muss wissen, dass er bekämpft wird”

          Es ist eine merkwürdige Ironie, dass der Amerikaner diese Philosophie nun als Erstes ausgerechnet nach einer Anforderung durch einen deutschen Offizier in Frage gestellt sieht. Dabei kann es für die Entscheidungsträger in Kundus Notwendigkeiten gegeben haben, so zu handeln, wie sie es taten. Dass die Taliban Tanklastwagen als hochgefährliche Autobomben gebrauchen, hat sich erst kürzlich in Kandahar gezeigt, wo bei einem solchen Anschlag mehr als 40 Personen getötet worden waren. Die Lagebeurteilung könnte gelautet haben, man werde später nicht mehr die Möglichkeit haben, die Lastwagen mit dem Treibstoff so isoliert von Unbeteiligten anzugreifen, wie man sie in der Nacht zum Freitag zu haben glaubte. Selbst dann wäre der Luftschlag freilich nur schwer mit den genannten Richtlinien in Übereinstimmung zu bringen.

          Verteidigungsminister Jung in der Defensive

          Weil das deutsche Verteidigungsministerium am Freitag forschende Fragen nach Umständen und Einzelheiten mit einer sarkastischen Zurückweisung von Spekulationen „im warmen Sessel in Berlin“ beschieden hatte, wurde die Nachrichtenlage am Wochenende durch die Berichterstattung in der „Washington Post“ beherrscht, deren Mitarbeiter von den amerikanischen Offizieren freimütig mit in die Lageunterrichtung durch den deutschen Oberst in Kundus genommen worden waren. Die Zeitung berichtete, dass der Angriff befohlen worden sei, nachdem ein afghanischer Informant gesagt habe, es befänden sich nur Aufständische am Schauplatz. Das habe offenbar eine Anordnung von General McChrystal verletzt, wonach solche Angriffe nicht auf Grundlage von nur einer Quelle geführt werden dürften. Freilich ist auch von den - nicht sehr deutlichen - Bildern der Nachtkameras aus den F-15-Flugzeugen die Rede, mit denen die Information „zu hundert Prozent“ übereingestimmt habe. Und aus dem Bericht geht hervor, dass es der deutsche Offizier war, der den Vorschlag der Piloten zurückwies, eine 2000-Pfund-Bombe einzusetzen, deren Wirkung noch verheerender gewesen wäre. Stattdessen wurde eine satellitengesteuerte 500-Pfund-Bombe abgeworfen.

          Dass Verteidigungsminister Franz Josef Jung sich in der Defensive sieht, aber wohl auch „seinen“ Offizier etwas aus der Kritik nehmen will, darauf deutet jedenfalls sein Hinweis auf das „US-Flugzeug“ hin. Ganz will er das frühere Bild offensichtlich doch nicht umgekehrt sehen.

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