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Präsidentschaftskandidatur : Afghanische Familienverhältnisse

Ganz unbeteiligt dürfte Präsident Karzai an der zurückgezogenen Kandidatur seines Bruders nicht sein Bild: REUTERS

Hamid Karzais Bruder zieht seine Präsidentschaftskandidatur zurück. Und macht damit Platz für den ehemaligen Außenminister Zalmai Rassoul. Rassoul erscheint in Kabul als eine Art afghanischer Medwedjew.

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          Eigentlich hatte der afghanische Präsident Hamid Karzai stets hervorgehoben, sich nicht in den Wahlkampf einmischen zu wollen, aus dem im April sein Nachfolger hervorgehen soll. Ganz unbeteiligt war er aber nicht daran, dass sein Bruder Qayoum Karzai am Donnerstag seine Kandidatur zurückzog und Platz machte für den ehemaligen Außenminister Zalmai Rassoul, der seit längerem als Lieblingskandidat des Präsidenten gilt. Qayoum Karzai kündigte in Kabul an, sich dem Wahlkampfteam seines bisherigen Konkurrenten anzuschließen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          In Kabul erscheint Rassoul als eine Art afghanischer Medwedjew, weil er ein auffällig schwacher Kandidat ist, was dem scheidenden Präsidenten, der laut Verfassung nicht wieder antreten kann, die Rolle eines mächtigen Strippenziehers im Hintergrund eröffnen würde. Solche Spekulationen werden auch dadurch befeuert, dass Karzai sich auf dem Gelände des Präsidentenpalastes ein Anwesen herrichten lässt, in das er nach seinem Abtritt einziehen will. Zudem hat er erklärt, seinem Nachfolger beratend zur Seite stehen zu wollen. Zu dem Medwedjew-Vergleich hat Karzai zudem selbst beigetragen, als er im September vergangenen Jahres ausgerechnet während eines Treffens mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin seinen Außenminister Rassoul erstmals als „möglichen Kandidaten“ ins Spiel brachte, lange bevor dieser selbst seine Ambitionen öffentlich machte. Als unmöglich gilt es jedenfalls nicht, dass Karzai – ähnlich wie Putin – in Zukunft noch einmal nach der Präsidentschaft greifen könnte, wenn er dies nach einer Wahlperiode Pause wieder darf.

          Nach mehrtägigen Beratungen fiel die Entscheidung

          Der Präsident hat mehrfach bekundet, dass er gegen eine Kandidatur seines Bruders sei, die ihn dem Vorwurf ausgesetzt hätte, die Pfründe seiner Familie sichern zu wollen. Zudem hätte eine Präsidentschaft seines älteren Bruders wohl sein eigenes politisches Erbe überschattet. Die Beziehung zwischen beiden soll ohnehin nicht zum Besten stehen.

          Qayoum Karzais Rückzug aus dem Bewerberfeld gingen mehrtägige Beratungen von Stammesältesten aus allen Teilen des Landes voraus, die laut afghanischen Medien vom Präsidenten nach Kabul eingeladen worden sein sollen, was dessen Sprecher allerdings bestritt. Ziel der Versammlung war es offenbar, die Zahl der paschtunischen Kandidaten – insbesondere vom Stamm der Durrani, der sich als Königsmacher versteht – zu verringern, um eine Zersplitterung der Stimmen zu vermeiden. Nach Angaben eines weiteren Karzai-Bruders, Mahmud, sprachen sich die Stammesältesten allerdings zunächst für Qayoum Karzai aus, woraufhin der Präsident interveniert habe.

          Zehn Kandidaten sind noch im Rennen

          Mit Interesse wurde in Kabul auch aufgenommen, dass sich eine Fraktion der Hezb-e-Islami, deren militärischer Arm unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar noch immer gegen die Regierung kämpft, hinter Rassoul stellte – obwohl ein ehemaliger Vertrauter Hekmatyars ebenfalls zur Wahl steht. Schon seit Jahren verfolgt Karzai die Strategie, Teile der Hezb zu kooptieren. Der mächtige Chef des Präsidialamts, Karim Khurram, entstammt ebenso diesem Lager wie mehrere Minister und viele Gouverneure.

          Noch sind zehn Kandidaten im Rennen, doch das Feld dürfte sich weiter lichten, denn schon bei früheren Wahlen hat sich gezeigt, dass einige Bewerber lediglich kandidierten, um sich als Minister zu empfehlen. Die jetzige Einigung auf einen Durrani-Kandidaten könnte – zumal in einem zweiten Wahlgang – zu einem Zweikampf zwischen einem paschtunisch dominierten Lager und dem Kandidaten der ehemaligen Nordallianz, Abdullah Abdullah, führen, der dann bei den Minderheiten gute Chancen hätte. Das birgt die Gefahr, dass die Wahl die ethnischen Spannungen im Land verschärft, insbesondere dann, wenn das Ergebnis knapp ausfällt und es – wie im Jahr 2009 – Wahlbetrug in großem Stil gibt.

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