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Kommentar : Risiko Trump

Trump erfüllt wenige Tage vor seinem Amtsantritt höchste Erwartungen und höchste Befürchtungen – dass er so bleibt, wie er schon immer war. Bild: Reuters

Wenn der neue amerikanische Präsident tatsächlich das tut, was er sagt, dann wird der Westen in eine Krise stürzen. Schon seine bloßen Äußerungen zur Nato verringern die Sicherheit und die Stabilität in Europa.

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          Im Stil von Donald Trump müsste man einen Leitartikel über das mit ihm geführte Interview wohl so anfangen: Wir lieben ihn. Er hat keinen blassen Schimmer von der Welt und redet totalen, gefährlichen Blödsinn. Aber vielleicht können wir einen Deal mit ihm machen, natürlich zu unseren Gunsten. Wir lieben und respektieren ihn, auch wenn wir ihn nicht kennen.

          Trump erfüllt wenige Tage vor seinem Amtsantritt mit seinem Bekenntnis, wie er die Welt sieht, höchste Erwartungen und höchste Befürchtungen: dass er auch als Präsident so bleibt, wie er nicht nur als Wahlkämpfer war, sondern schon immer – konfliktbereit, großsprecherisch, ohne Angst vor Widerständen und Widersprüchen. Den Amerikanern, die ihn wählten, sagt er damit, dass sie sich auf ihn und seine Versprechen verlassen können. Dem Rest der Welt aber signalisiert er, dass für ihn alles in Frage steht, woran sich Amerika bisher über Präsidentschaften unterschiedlichster Art hinweg gebunden fühlte, von politischen Leitbildern über Verträge bis hin zu ganzen Bündnissen.

          Noch immer bauen Politiker in Europa darauf, dass Trump unter dem Druck der Verhältnisse und der Verantwortung wenigstens halbwegs so werde wie sie. Trump selbst scheint das freilich weder zu glauben noch zu wollen, sonst hätte er dieses Interview nicht gegeben. Es sprach nicht ein „President elect“ am Ende des Verpuppungsstadiums, sondern „the real Donald Trump“. Seine Aussagen lesen sich wie ein Schwur vor dem Eid, den er am Freitag als amerikanischer Präsident leisten wird.

          Trumps Schwur: „America first“

          Der Schwur lautet „America first“, was es die anderen, ob Freund oder Feind, auch koste – und langfristig auch die Amerikaner selbst. Trumps angekündigten Rückzug in die Festung Amerika, die er mit Mauern und Zollwällen schützen will, kann man als Reaktion auf die Überdehnung amerikanischer Macht durch die Vorgänger, insbesondere Bush den Jüngeren, sehen. In den zweiten Irak-Krieg zu ziehen war im Nachhinein betrachtet zweifelsohne eine Fehlentscheidung. Sie zog weitreichende Folgen nach sich bis hin zur Weigerung Obamas, sich in Syrien zu engagieren, und bis zum Ausbruch der Flüchtlingskrise, die die EU in ihren Grundfesten erschütterte und die politischen Landschaften in Europa verändert.

          Doch Trump droht, wenn der Herrgott ihm nicht doch noch den Verstand gibt, der für dieses Amt erforderlich ist, oder der Kongress ihm in den Arm fällt, Obamas Fehler ins Unendliche zu vergrößern. Nur Tage vor seinem Amtsantritt lässt Trump gänzlich ohne Grund und Not erkennen, dass die Roten Linien, die Amerika seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa gezogen und verteidigt hat, für ihn keine Bedeutung mehr haben müssen. Die Nato, das sagt er nun zum wiederholten Male, sei für ihn „obsolet“. Seine Begründung dafür ist so abenteuerlich wie vieles andere, das er in diesem Gespräch zum Besten gibt. Doch nichts davon hat auch schon als bloße Äußerung so verheerende Auswirkungen auf Sicherheit und Stabilität in Europa wie die Erklärung des neuen amerikanischen Präsidenten, das transatlantische Bündnis sei veraltet und überflüssig.

          Das Gegenteil ist der Fall. Die Nato müsste erfunden werden, wenn es sie nicht gäbe. Denn es sind nicht die paar alten Schützenpanzer, die die baltischen Staaten an ihren Grenzen stehen haben, die Moskau davon abhalten, dem Buch über die Rückgewinnung alter imperialer Größe weitere „ruhmreiche“ Kapitel hinzuzufügen. Das verhinderte bisher der Nordatlantikpakt und die Präsenz amerikanischer Soldaten, mit der Washington für die Sicherheit seiner europäischen Verbündeten einsteht, auch aus eigenen Interessen heraus. Nun aber wird aus der Garantie ein Risiko.

          Für strategische Fragen der Weltpolitik hat er keinen Sinn

          Die Nato ist auch eine politische Klammer zwischen Amerika und Europa, die angesichts einer wachsenden Entfremdung bis hinein in Handels- und Wirtschaftsfragen wichtiger und nötiger ist denn je. Amerika würde durch die Auflösung solcher Bande nicht stärker, es würde schwächer werden und an Einfluss in der Welt verlieren. Trump aber hat für strategische Fragen der Weltpolitik ganz offensichtlich keinen Sinn. Er schaut auf die Welt mit den Augen eines milliardenschweren, selbstverliebten Krämers, den nur seine „Deals“ interessieren. Die Zahl seiner Follower in den sozialen Medien kennt er, die Zahl der Nato-Mitglieder nicht. Und wer war noch der „angenehme Herr“, der aus Brüssel anrief? Spielt keine Rolle, wo Trump doch egal ist, ob die EU Bestand hat, die ohnehin nur ein Instrument der Deutschen sei, um ihre Interessen durchzusetzen (was ihm eigentlich imponieren müsste).

          Wird alles nicht so heiß gegessen wie gesagt? Diese Hoffnung muss man haben, doch sie schwindet mit jedem weiteren Satz, den Trump hinaustrompetet, als sei er nicht der Präsident der Führungsmacht des Westens, sondern ein Troll aus einem Moskauer Vorort. Der Kreml spendet Beifall, obwohl ihm dieser irrlichternde Präsident ebenfalls nicht ganz geheuer sein kann. Doch müssen sich alle, auch die EU, auf den Fall vorbereiten, dass Trump tut, was er sagt. Die Krise der EU wird nun auch noch von einer Krise des freien Westens überwölbt. Wer das bejubelt, hat Trump verdient.

          Nach Zeitungsinterview : Kritik an Trumps Äußerungen von deutschen Politikern

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