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Ägyptische Armee : Ein wohlgenährter Staat im Staate

Eine Armee, die keine Kriege mehr führt und nur Präsident Mubarak rechenschaftspflichtig ist Bild: Foto - F.A.Z. Helumt Fricke

Sie war immer eine „black box“. Nur wenige, die mit ihr zu tun haben, wissen viel über das Innenleben dieser Streitkraft. Die ägyptische Armee ist Großunternehmer - und den Offizieren geht es nun auch um die Rettung ihrer Pfründe.

          Als nach den schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei vergangene Woche die Armee in die Straßen Kairos einrückte, wurden die Soldaten von vielen Menschen begrüßt – als Retter vor der Brutalität der Sicherheitsdienste des Innenministeriums. Viele hofften wohl auch, dass sich die Streitkräfte auf ihre Seite stellen könnten, so wie das zuvor in Tunesien der Fall war. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Zwar hatte die Armee die Forderungen der Protestbewegung als „legitim“ anerkannt und versprochen, gegen friedliche Proteste keine Gewalt anzuwenden. Dann aber sahen die Soldaten in der Nacht zum Donnerstag untätig zu, wie bewaffnete Schlägerbanden hoch zu Ross und auf Kamelen gegen die unbewaffneten Demonstranten vorgingen, ein Gemetzel anrichteten und dabei Loyalität zum „Führer Mubarak“ skandierten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die ägyptische Armee war immer eine „black box“, und auch amerikanische Generäle, die viel mit der ägyptischen Armee zu tun haben, geben zu, dass sie wenig über das Innenleben dieser Streitkraft wissen, die mit einer halben Million Soldaten unter Waffen die zehntgrößte der Welt ist. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat in diesen Tagen mehrmals mit seinem ägyptischen Amtskollegen, Generalfeldmarschall Muhammad Hussein Tantawi, gesprochen, der im neuen Kabinett zum stellvertretenden Ministerpräsidenten aufgerückt ist. Amerikanische Medien berichten, das Pentagon lasse sich dabei lediglich über die Ereignisse informieren. Offenbar schätzen die amerikanischen Offiziere den Professionalismus ihrer Kollegen. Doch auch das Pentagon weiß nicht, was die hohen Generäle bewegt, und noch weniger, was die einfachen Offiziere oder gar die einfachen Soldaten denken. Auch die Amerikaner rätseln, wie sich die Armee verhalten wird. Denn programmatische Vorstellungen über die Zukunft Ägyptens hat die Armee – zumindest öffentlich – nie formuliert.

          Loyalität durch Überwachung

          Unterstellt wird meist, dass die Rekruten – in Ägypten gilt eine Wehrpflicht, die je nach Bildungsgrad zwischen zwölf und 36 Monaten dauert – ein Abbild der Gesellschaft sind: mit ihrer Armut, mit Sympathisanten für die islamistischen Muslimbrüder, mit Distanz zu den Gewinnlern des Regimes. Das wird wohl ein Grund für die Verbrüderungsszenen zwischen Demonstranten und Soldaten gewesen sein, die es nach dem vorübergehenden Rückzug der Polizei auf den Straßen gab. Bei den höheren Offiziersrängen sorgt die Armeeführung indes dafür, dass sie sich ihrer sicher sein kann. Um sich der Loyalität der Offiziere zu versichern, werden sie von gleich drei Geheimdiensten überwacht: vom Allgemeinen Geheimdienst (al mucharabat al amma), an dessen Spitze bis vor wenigen Tage der neue Vizepräsident Omar Suleiman stand; von der Militärischen Sicherheit (al amn al askari) und vom Nationalen Sicherheitskomitee (haiat al aman al qaumi). Wer sich beispielsweise zu stark für das Beten interessiert, ist verdächtig.

          Ein Abbild der Gesellschaft: Die einfachen Soldaten sind so arm wie das Volk

          Als Gegenleistung für die jährliche amerikanische Militärhilfe von mindestens 1,3 Milliarden Dollar erfüllt Ägypten Forderungen des Pentagons: Amerikanische Kampfflugzeuge dürfen über Ägypten fliegen, der Suezkanal ist für amerikanische Kriegsschiffe geöffnet, und Ägypten sichert die Grenze zu Gaza. Weil die Armee ein so verlässlicher Verbündeter war, hatte die amerikanische Regierung nie einen Grund gesehen, engeren Kontakt zur ägyptischen Armee zu pflegen.

          Ein wirtschaftliches Imperium

          Fremd sind den amerikanischen Militärs ihre Kollegen vom Nil aber auch deshalb geblieben, weil viele von ihnen noch zu Zeiten des Kalten Kriegs an sowjetischen Militärakademien ausgebildet worden waren. Das gilt selbst für das Duo an der Spitze des Staats, Präsident Mubarak und seinen Stellvertreter Omar Suleiman. Der neue Ministerpräsident Ahmad Shafiq ist zwar nicht in Moskau zum Piloten ausgebildet worden, flog aber überwiegend sowjetische Kampfflugzeuge des Typs MiG 17 bis MiG 21. So wie für die Armee einst das Bündnis mit der Sowjetunion ein Zweckbündnis war, ist es heute das Bündnis mit den Vereinigten Staaten.

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