https://www.faz.net/-gpf-7w85a

Unterstützung für IS : Terrornachwuchs vom Sinai

  • -Aktualisiert am

Soldaten in Kairo auf Patrouille: Radikale Gruppierungen bedrohen Ausländer, Armeeeinrichtungen, Soldaten und Botschaftsgebäude Bild: dpa

Eine Welle der Gewalt erfasst Ägypten. Radikale Splittergruppen schließen sich dem Islamischen Staat an. Vor allem Ausländer in Kairo bangen um ihre Sicherheit.

          3 Min.

          Unter den Amerikanern in Kairo geht die Angst um. Seit ein Islamist Lehrerinnen des „Cairo American College“ im Oktober mit Entführungen drohte, steht die im südlichen Stadtteil Maadi gelegene Schule unter Polizeischutz. Schon im August war ein Mitarbeiter der amerikanischen Ölfirma Apache getötet worden, die in Maadi ebenfalls ihren Sitz unterhält.

          Auch Angehörige der Firmen British Petroleum und British Gas fahren nun unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen zu ihren Arbeitsplätze in dem Ausländerviertel. Ebenfalls von Polizisten bewacht wird das französische Gymnasium nahe der Metro-Linie in Richtung Tahrir-Platz. In den Nahverkehrszügen und Bahnhöfen gehören Bombenfunde in Kairo inzwischen zum Alltag.

          Zwei Monate nachdem Ägypten sich der von Amerika geführten Koalition gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen hat, bekommen vor allem Ausländer die Folgen immer deutlicher zu spüren. Ein am Wochenende verhafteter Mann mit ägyptischem und amerikanischem Pass bekannte sich zu den Drohungen gegen die amerikanischen Lehrerinnen.

          Er begründete sie mit dem Vorgehen der von Amerika geführten Anti-IS-Allianz in Syrien und im Irak. Wenige Wochen zuvor hatte die französische Botschaft ihre Landsleute aufgerufen, besondere Vorsicht walten zu lassen. Die Entführung und Ermordung von Hervé Gourdel in Algerien im September könnte Schule machen, hieß es.

          „Soldaten des Kalifats im Land Algerien“ heißt die Gruppe, die sich zu dem Mord an Gourdel bekannte. Sie ist eine Abspaltung der Terrororganisation Al Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim). Der frühere Aqim-Kommandeur Khalid Abu Suleiman führt nun die Truppe, die sich kurz vor der Exekution Gourdels von Al-Qaida-Führer Ayman al Zawahiri losgesagt hatte, um dem „Islamischen Staat“ die Treue zu schwören.

          Islamischer Staat sammelt weiter Gefolgsleute

          Für den irakischen Milizenführer war das ein wichtiger Erfolg im Wettstreit um die Vorherrschaft innerhalb der dschihadistischen Internationale. Ende September schloss sich ihm eine weitere, bis dahin weitgehend unbekannte Gruppe namens „Soldaten des Kalifats im Land Ägypten“ an. Ihr proklamiertes Ziel ist es, Ausländer, Armeeeinrichtungen, Soldaten und Botschaftsgebäude anzugreifen.

          Strategisch bedeutender als der Treueschwur der ägyptischen Dschihad-Neulinge und der sunnitischen Extremisten könnte indes der Schritt sein, den die bekannteste Terrorgruppe am Montag auf der Sinai-Halbinsel verkündete: Über den Kurzmitteilungsdienst Twitter gab „Ansar Beit al Maqdis“ (Helfer Jerusalems) bekannt, künftig ebenfalls dem IS und den Befehlen des selbst ernannten Kalifen „Ibrahim“ in Mossul zu folgen.

          Ägypter wurden dazu aufgerufen, sich der Organisation anzuschließen. Sie sollten aufhören, „mit schändlichem Frieden oder blasphemischer Demokratie weiterzumachen“ - ein Seitenhieb auf die ihnen zu gemäßigte Muslimbruderschaft -, sondern stattdessen den Kampf gegen die Streitkräfte aufnehmen.

          Den führt Ansar Beit al Maqdis seit dem Putsch des damaligen Armeechefs Abd al Fattah al Sisi gegen den Muslimbruder Muhammad Mursi mit voller Härte. Seit Juli 2013 wurden Hunderte Sicherheitskräfte vor allem auf der Sinai-Halbinsel bei Anschlägen und Angriffen getötet. Im September vergangenen Jahres scheiterte in Kairo ein Anschlag auf Innenminister Muhammad Ibrahim.

          Ibrahims Bürochef töteten Mitglieder der Gruppe Anfang des Jahres. Westliche Militärangehörige bezeichnen die Gruppe als professionell und gut ausgerüstet, worauf auch der Abschuss eines Militärhubschraubers im Januar mit einer Bodenluftrakete hindeute. Die Zahl ihrer Kämpfer wird auf mehr als tausend geschätzt.

          Armeerichter genießen völlige Freiheit

          Sisi hingegen tritt im Krieg gegen die Dschihadisten auf der Stelle: Der in der Audio-Botschaft Ansar Beit al Maqdis’ von Montag als „abscheulicher Tyrann“ bezeichnete Machthaber stattete die Militärjustiz deshalb Ende Oktober mit besonderen Vollmachten aus. Zwei Tage zuvor waren im Norden der Sinai-Halbinsel 31 Soldaten getötet worden. Für mindestens zwei Jahre dürfen die Armeerichter nun in einer Weise schalten und walten, wie es ihnen selbst unter der Herrschaft des früheren Präsidenten Husni Mubarak nicht erlaubt war.

          Ein vom Sisi-Regime vorgelegter Gesetzentwurf sieht zudem hohe Haft- und Geldstrafen für die Veröffentlichung jeglicher „Nachrichten, Statistiken, Informationen oder Dokumente mit Bezug zu den Streitkräften“ ohne vorherige schriftliche Genehmigung der Armeeführung vor.

          Den Beweis, dass die in den Untergrund gedrängten Mitglieder der Muslimbruderschaft hinter den Angriffen auf die Streitkräfte stecken, ist die autoritäre Führung in Kairo bis heute schuldig geblieben. Auf der Sinai-Halbinsel, wo „Ansar Beit al Maqdis“ seine stärkste Basis unterhält, zahlen Zivilisten den Preis für das Vorgehen der Streitkräfte. Eine Pufferzone zum Gazastreifen ließ Sisi Anfang des Monats einrichten. Von einem Tag auf den anderen wurden dort 1100 Familien evakuiert.

          Da das Militär Journalisten keinen Zugang zu den Gebieten gestattet, in denen der Krieg zwischen Dschihadisten und der Armee seit dem vergangenen Sommer tobt, sind Berichte über Opferzahlen nur schwer überprüfbar. Am Wochenende meldete das Oberkommando acht getötete „terroristische Elemente“ allein im Grenzgebiet zum Gazastreifen. Dort gilt bis zum vierten Jahrestag der Revolution gegen Mubarak der von Sisi verhängte Ausnahmezustand.

          Weitere Themen

          Wahlkampf der alten Männer

          Maaßen und Sarrazin : Wahlkampf der alten Männer

          In Suhl diskutiert CDU-Kandidat Hans-Georg Maaßen mit dem früheren SPD-Mitglied Thilo Sarrazin. Dabei geht es weniger um Inhalte und vielmehr um die persönliche Kränkung der beiden.

          „Es gibt keine Ausreden mehr" Video-Seite öffnen

          Klimaaktivistin Luisa Neubauer : „Es gibt keine Ausreden mehr"

          Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl plant die Klimabewegung Fridays for Future bundesweit in hunderten Städten Protestaktionen. Im AFPTV-Interview betont Klimaaktivistin Luisa Neubauer die Bedeutung der Wahl.

          Topmeldungen

          Hans-Georg Maaßen trifft Thilo Sarrazin (r), früheres SPD-Mitglied und Politiker, bei einer Wahlkampfveranstaltung im Saal Simson des Congress Centrum Suhl.

          Maaßen und Sarrazin : Wahlkampf der alten Männer

          In Suhl diskutiert CDU-Kandidat Hans-Georg Maaßen mit dem früheren SPD-Mitglied Thilo Sarrazin. Dabei geht es weniger um Inhalte und vielmehr um die persönliche Kränkung der beiden.
          SPD-Dynastie: Familie Siebel im „stadtbauraum“, einer Veranstaltungsstätte  am früheren Kohleschacht Oberschuir in Gelsenkirchen.

          Politische Prägung : Wählen wie die Eltern

          Welcher Partei wir bei einer Wahl unsere Stimme geben, hängt auch mit der Prägung durch das Elternhaus zusammen. Oder gerade nicht? Drei Ortsbesuche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.