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Ägypten und Tunesien : Entzauberte Islamisten

Muslimbrüder demonstrieren in Kairo für den abgesetzten Präsidenten Muhammad Mursi Bild: AFP

Das ägyptische Volk hat kein Problem mit Frömmigkeit, wohl aber mit Bevormundung. Wie in Tunesien haben die Islamisten in Ägypten ihr Mandat überreizt.

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          Bis zuletzt wollte Muhammad Mursi nicht einsehen, dass seine Zeit abgelaufen war. In der Nacht zum Mittwoch besiegelte er dann sein Schicksal. Da saß er wieder einmal vor der Kamera, die Nationalflagge im Rücken, und hielt eine längliche Rede an das aufgebrachte Volk. Er wolle nicht weichen, polterte Mursi, er könne sich schließlich auf die Mehrheit berufen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Mehrere dutzend Mal bekräftigte Mursi, er sei doch der „rechtmäßige“ Präsident des Landes - 57 Mal habe er das Wort in dieser Rede verwendet, haben Internetnutzer gezählt. Hatte er wirklich nicht bemerkt, dass das in Ägypten immer weniger Menschen so sehen? „Hizb al Kanaba“ - „Partei des Sofas“ - wird die schweigende Mehrheit etwas spöttisch genannt. Am vergangenen Wochenende war auch sie aufgestanden und erlebte auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos bei einer Demonstration von mehreren Hunderttausend Menschen wieder Momente, die an die Tage des Aufstands gegen Mubarak vor zwei Jahren erinnerten. Damals ging die Zentrale von dessen Staatspartei NDP in Flammen auf, nun ist es der Sitz der Muslimbruderschaft, der demoliert wurde. Eigentlich sollte der pompöse Bau für ihren neuen Machtanspruch stehen, doch jetzt zeugt er von der Entzauberung der regierenden Islamisten.

          Auch in Tunesien: Misswirtschaft und Korruption

          Nicht nur in Ägypten sinkt ihr der Stern schon wieder. Auch die islamistische Regierungspartei Ennahda in Tunesien hat in den Monaten des Übergangs schweren Schaden genommen. In beiden Ländern hat der Niedergang der Sieger der ersten freien Wahlen viel damit zu tun, dass die Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensumstände bitter enttäuscht wurde. Eine schrumpfende Wirtschaft, explodierende Preise und Arbeitslosigkeit setzten den einfachen Leuten zu, die für die Grabenkämpfe und Winkelzüge der Politiker und für die Misswirtschaft und andauernde Korruption in den neuen Regierungen bloß noch Verachtung übrig haben.

          Weder den ägyptischen Muslimbrüdern noch Ennahda in Tunesien kann man allein die Schuld für die wirtschaftliche Malaise und die sozialen Probleme geben. Doch sie waren angetreten mit dem Versprechen einer neuen Gerechtigkeit, die von Gott komme. Und sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Zeit des Übergangs in beiden Ländern eine Zeit verpasster Gelegenheiten war.

          So wurde sowohl in Tunesien als auch in Ägypten vorerst die große Chance verpasst, einen neuen Gesellschaftsvertrag abzuschließen, der den Bedürfnissen aller Bevölkerungsteile gerecht wird. Dabei entsprechen sowohl die Programm sowohl der Muslimbrüder als auch Ennahdas tatsächlich den Wünschen vieler Ägypter und Tunesier. Ihre Vorstellungen fanden mit den Wahlsiegen der beiden Parteien den Weg in die Politik. Doch die Islamisten haben viel von ihrer Glaubwürdigkeit verspielt.

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