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Ägypten : Übergang ohne Islamisten

  • -Aktualisiert am

Am Boden: Unterstützerinnen Mursis sitzen vor einer Sperre vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde in Kairo. Bild: AFP

Die salafistische Hizb al Nur hat sich aus der neuen Kairoer Führung zurückgezogen. Das macht die Versöhnung nicht leichter. Ein verhängnisvolles Zweckbündnis droht.

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          Die „Roadmap“ nach dem Putsch gegen Präsident Muhammad Mursi hielt nicht einmal eine Woche. Nur fünf Tage, nachdem der ägyptische Armeechef Abd al Fattah al Sisi einen Fahrplan für den politischen Übergang nach dem Staatsstreich vorgelegt hatte, stieg eine der wichtigsten Kräfte aus: Die Salafisten der Hizb al Nur (“Partei des Lichts“) kündigten am Montag ihre Teilnahme am politischen Prozess auf. Beim Gruppenbild mit Würdenträgern am vergangenen Mittwoch, als Sisi den Sturz des erst im Juni 2012 demokratisch gewählten Staatschefs verkündet hatte, hatte der Nur-Vorsitzende Iunus Makhiun mit seiner Anwesenheit noch Aufsehen erregt. Mit seinem langen Bart saß der islamistische Scheich neben dem Entsandten der jugendlichen Basisbewegung Tamarrod in der zweiten Reihe hinter dem koptischen Papst Tawadros II. und dem Scheich der altehrwürdigen Al-Azhar-Universität, Ahmad al Tajjib.

          Das Massaker an mehr als 50 Anhängern der Muslimbruderschaft am Montagmorgen war für die Nur-Partei der Anlass, sich vorerst von dem Gestaltungsprozess der Übergangsphase zurückzuziehen, der von der Militärführung unzureichend vorbereitet worden war. Hoch gepokert hatten die Fundamentalisten nicht nur, als sie sich vor Wochen von Mursi lossagten und die von Tamarrod initiierten Proteste unterstützten.

          Am Wochenende brachten sie durch ihre Blockadehaltung den liberalen Oppositionsführer, Friedensnobelpreisträger Mohamed El Baradei zu Fall, nur Stunden nachdem ihn Übergangspräsident Adli Mansur als Interimsregierungschef auserkoren hatte. In dem seltsam anmutenden Bündnis mit den säkularen Kräften spielten die Islamisten sofort das Zünglein an der Waage. Offenbar hatten sie sich mehr Einfluss erhofft.

          Nun können sich die Übergangsmachthaber von Kairo nicht mehr auf die Unterstützung durch eine islamistische Kraft berufen - ein Makel, der die Versöhnung im tief gespaltenen Ägypten noch schwieriger machen dürfte. Muhammad Sudan, außenpolitischer Sprecher der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit der Muslimbruderschaft, warf der Nur-Führung um Makhiun gegenüber dieser Zeitung zwar am Montag „Verrat“ vor. Doch könnte deren Distanzierung von der Armeeführung noch gerade rechtzeitig erfolgt sein, um die rivalisierenden Islamistengruppen zumindest vorübergehend wieder zusammenzuführen. Sollten sie sich tatsächlich gegen die Armee und die zweite Revolutionsbewegung zusammenschließen, käme auf Ägypten alles andere als ein ruhiger Ramadan zu.

          Die Fundamentalisten der Nur-Partei hatten sich als Pragmatiker gezeigt, als sie sich nach der Revolution gegen Husni Mubarak entschlossen, den Sprung in die neu entstehende parlamentarische Demokratie zu wagen. Das zahlte sich aus: Mehr als ein Viertel der Stimmen erhielten sie bei der Anfang 2012 zu Ende gegangenen Wahl. Zwar vertraten die Salafisten im Wahlkampf extreme Positionen; sie forderten ein Badeverbot für Frauen und die Einführung der Scharia.

          Doch im politischen Alltag weichten sie bei allem religiösen Rigorismus manche ihrer Positionen auf. Auch im Streit über die von Mursi und seinen Muslimbrüdern durchgepeitschte Verfassung verbündeten sie sich zeitweise mit liberalen Vertretern, um Vorhaben der Muslimbruderschaft zu verhindern. Bis zum Sturz Mursis gingen Beobachter davon aus, dass sie bei den nächsten Parlamentswahlen am stärksten von der Schwäche der immer noch in die klandestinen Strukturen ihrer Gründungsjahre verfangenen Kaderpartei profitieren würden.

          Unmut in den eigenen Reihen

          Inzwischen haben die Salafisten der Hizb al Nur mit Unmut in den eigenen Reihen zu kämpfen. Vor allem junge Mitglieder werfen den Scheichs an der Spitze vor, Mursi zugunsten liberaler Kräfte wie El Baradei und seinen Partnern fallengelassen zu haben. Die Haltung der Nur-Partei zur Regierung des islamistischen Staatschefs war trotz der ideologischen Nähe von Beginn an von Opportunismus geprägt: Immer wieder seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Hischam Qandil im vergangenen August drohte die Hizb al Nur mit der Aufkündigung des Bündnisses. Doch erst im Mai beendete sie die Zusammenarbeit wirklich.

          Zuletzt trieben salafistische Prediger, die seit den neunziger Jahren durch saudi-arabische Unterstützung in Ägypten erstarkt sind, Mursi vor sich her: Im Juni brach er die Beziehungen zum Regime in Damaskus auf Druck der Salafisten ab - auf einer Syrien-Konferenz, auf der extremistische Scheichs zum Dschihad gegen Diktator Baschar al Assad aufriefen. Wenige Tage danach brachten sunnitische Extremisten in Ägypten vier schiitische Würdenträger um. Im Vorfeld der Präsidentenwahl von 2012 hatten die Salafisten nicht Mursi, sondern dessen islamistischen Rivalen Abdel Monem Abul Futtuh unterstützt, der früher einmal zum Führungszirkel der Muslimbrüder gehört, sich aber von der Bewegung abgesetzt hat. Abul Futtuh könnte in Zukunft wieder eine wichtigere Rolle spielen. Nach dem Massaker an Anhängern Mursis forderte am Montag auch er den Rücktritt von Übergangspräsident Adli Mansur.

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