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Acht Tote in Jerusalem : Hamas nimmt Bezichtigung zurück

  • Aktualisiert am

Entsetzen nach der Tat in Jerusalem Bild: REUTERS

Beim Anschlag auf die jüdische Religionsschule in Jerusalem sind mindestens acht Jugendliche getötet worden. Die Bluttat löste international Entsetzen aus. Noch ist unklar, wer hinter dem Attentat steckt - die radikal-islamische Hamas hat ihr Bezichtigung zurückgenommen.

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          Beim schwersten Anschlag in Israel seit mehr als einem Jahr sind in einer Jerusalemer Religionsschule acht Jugendliche getötet worden. Polizeiangaben zufolge stürmte am Donnerstagabend ein bewaffneter Palästinenser das Gebäude und schoss wild um sich. Dabei seien neun weitere Studenten verletzt worden. Der Anschlag löste international Entsetzen aus. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich aber nicht auf eine Verurteilung der Tat einigen. Libyen habe eine entsprechende Erklärung verhindert, berichteten Diplomaten. Der amerikanische Präsident George W. Bush, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilten die Tat.

          „Der Terrorist erschien mit einem Paket in seiner Hand, zog eine Waffe raus und begann zu schießen“, berichtete Jerusalems Polizeichef Aharon Franco. Der Leiter der Talmudschule, Rabbi Haim Katz, sagte, alle Opfer seien 15 oder 16 Jahre alt. Von den offiziell neun Verwundeten wurden einige schwer verletzt. Die Rettungskräfte sprachen sogar von 35 Verletzten. Der Attentäter kam Franco zufolge aus Ost-Jerusalem, er sei von der Polizei erschossen worden. Ursprünglich hatte die Polizei von zwei Tätern gesprochen, diese Angaben revidierte sie später.

          Wer steckt hinter dem Anschlag?

          Der Anschlag ereignete sich in dem von orthodoxen Juden geprägten Stadtviertel Kirjat Mosche. Zunächst hatte der Fernsehsender El Mana gemeldet, die bislang unbekannte Gruppe Kataeb Ahrar el Dschalil („Brigaden der freien Männer von Galiläa“) stecke hinter der Tat. Auch die radikale Palästinenserorganisation Hamas bezichtigte sich des Anschlags. „Hamas ist für den Angriff verantwortlich“, sagte ein Vertreter der Palästinenserorganisation. Doch bereits am Freitagnachmittag zog die Hamas ihr Bekenntnis zurück. Der Chefintendant des Hamas-Radiosenders Al Aksa, Ibrahim Daher, erklärte, er habe das ursprüngliche Bekenntnis auf der Basis von verwirrenden Informationen verbreitet. Dies sei jedoch verfrüht gewesen.

          Der Sprecher der militärischen Hamas-Flügels, Abu Obeida, bestätigte, dass seine Gruppe keine Verantwortung für den Anschlag übernehme - zumindest nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. „Diese Ehre fällt uns vorerst nicht zu“, erklärte Obeida.

          UN-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den „grausamen Angriff“. Die anhaltende Gewalt gefährde den politischen Prozess zur Vereinbarung eines dauerhaften Friedensschlusses. Präsident Bush erklärte, er habe Israels Ministerpräsident Ehud Olmert nach dem „barbarischen und boshaften Akt“ in einem Telefonat seine Unterstützung zugesichert. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte in Berlin: „Der heutige Anschlag in Jerusalem erfüllt mich mit Entsetzen.“

          Im Sicherheitsrat betrachten nicht alle die Tat als Terroranschlag

          Trotz der internationalen Empörung konnte sich der UN-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung nicht auf eine Erklärung einigen. Einige Mitglieder des Sicherheitsrats hätten das Attentat in Jerusalem nicht als Terroranschlag werten wollen, sagte der amtierende Präsident des Gremiums, der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin. „Als russische Delegation bedauern wir, dass der Weltsicherheitsrat nicht in der Lage war, den Anschlag zu verurteilen“, sagte Tschurkin.

          Auch der amerikanische UN-Botschafter Zalmay Khalilzad zeigt sich enttäuscht. Er machte Libyen - eines der zehn nichtständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates - für das Scheitern verantwortlich. „Diejenigen, die die Erklärung verhindert haben, tragen die Verantwortung“, so Khalilzad. Israels UN-Botschafter Dan Gillerman griff die libysche Delegation an: „Der Weltsicherheitsrat ist von Terroristen infiltriert“, sagte er.

          Freudenfeiern im Gazastreifen und im Libanon

          An mehreren Orten im Gazastreifen sowie im Libanon kam es nach Bekanntwerden des Attentats zu spontanen Freudenkundgebungen und Hupkonzerten. Menschen schossen in die Luft und verteilten Süßigkeiten. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte den Gewaltakt hingegen.

          Die israelische Regierung erklärte, trotz des Terrorakts sollten die Friedensgespräche mit den Palästinensern weitergehen. „Die Terroristen versuchen die Chancen auf Frieden zu zerstören, aber wir werden bestimmt die Friedensgespräche fortsetzen“, sagte der Sprecher des israelischen Außenministeriums Arie Mekel.

          Der Attentäter war als orthodoxer Jude verkleidet

          Der als orthodoxer Jude verkleidete Palästinenser war in die Religionsschule Merkas Harav in der Nähe des Jerusalemer Hauptbahnhofs eingedrungen. Der mit einer Kalaschnikow und einer Pistole bewaffnete Attentäter schoss laut Augenzeugenberichten rund zehn Minuten lang um sich. Ein Offizier der israelischen Armee hörte die Schüsse, eilte zu Hilfe und erschoss den Angreifer. Anders als zunächst von israelischen Medien berichtet, fand die Polizei keinen Sprengstoffgürtel, sondern eine Weste mit gefüllten Magazinen.

          Zum Zeitpunkt des Angriffs hielten sich mehrere hundert orthodoxe Studenten im Alter zwischen 16 und 30 Jahren in der Schule auf. Ein israelisches Einsatzkommando stürmte nach dem Anschlag die Religionsschule. Die Suche nach einem vermuteten zweiten oder dritten Attentäter verlief ergebnislos. Die Jerusalemer Polizei errichtete weiträumig Straßensperren, um mögliche Helfershelfer zu finden.

          Die Menge skandierte: Tötet die Araber

          Nach israelischen Medienangaben fuhren mindestens 50 Krankenwagen zum Anschlagsort. Viele Schüler und Schaulustige hielten sich dort auf. Die aufgebrachte Menge skandierte: „Tötet die Araber“. Nach Angaben des Schulleiters David Schalem studieren in der Schule insgesamt 500 Studenten. Schalem nannte den Anschlag eine Folge einer jahrzehntelangen Kultur des Hasses unter den Arabern und einer verfehlten Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern.

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