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Abzugsdebatte : Afghanische Traditionen

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Karzais Vorstoß für eine schnellere Übergabe der Sicherheitsverantwortung ist zunächst einmal innenpolitisch motiviert: er signalisiert den Afghanen, für die die ausländischen Soldaten Besatzer sind, dass er auf ihrer Seite ist.

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          Es war zu erwarten, dass die Zwischenfälle der vergangenen Wochen - zuerst die Koranverbrennungen, dann der Amoklauf eines amerikanischen Soldaten - die Afghanistan-Debatte neu anheizen würden. In der Chronik eines angekündigten Abzugs der westlichen Truppen konnte das nur auf eine Beschleunigung hinauslaufen. Dass Präsident Karzai nun für eine schnellere Übergabe der Sicherheitsverantwortung an afghanische Kräfte plädiert, ist deshalb zunächst einmal ein innenpolitisches Manöver: er signalisiert damit jenem Teil der Bevölkerung, der die ausländischen Soldaten nicht mehr als Befreier oder Helfer, sondern als Besatzer sieht, dass er auf seiner Seite ist.

          Überdies bröckelt bei manchen Nato-Staaten der Konsens über den Abzugstermin 2014 gleichfalls - der aussichtsreiche französische Präsidentschaftskandidat Hollande spricht inzwischen schon vom Ende dieses Jahres. Und selbst diejenigen, die sich an die offizielle Linie halten, dürften sich kaum noch Illusionen darüber machen, was in den kommenden anderthalb Jahren noch erreicht werden könnte.

          In Afghanistan konzentrieren sich deshalb die Überlegungen und taktischen Positionierungen auf die Zeit „danach“ - Karzai macht da keine Ausnahme. Niemand im Westen weiß außerdem mit letzter Zuverlässigkeit, wer alles mit wem worüber spricht. Die Verhandlungen, welche die Amerikaner mit den Taliban in Qatar führen wollten, sind jedenfalls nur eine Masche in einem weiter gespannten Gesprächsnetz. Dass sie von den Taliban jetzt abgesagt wurden, muss auch nicht das letzte Wort sein: nach dem Amoklauf des amerikanischen Soldaten bei Kandahar ist das ein Signal, dass aus innen- wie außenpolitischen Gründen kaum zu vermeiden war.

          Die Entwicklung in Afghanistan führt fast zwangsläufig in eine Richtung, die von den Traditionen des Landes bestimmt ist. Die Streitkräfte, die jetzt schon nach ethnischen Kohorten organisiert sind, werden sich wieder in Milizen aufteilen, die sich nach Stammeszugehörigkeit und/oder regionalen Kriterien gliedern. Entsprechend wird es wieder „Warlords“ oder regionale Machthaber geben, die sich um die Zentralregierung in Kabul wenig scheren. Afghanistan wird sich zu einer losen Föderation zurückverwandeln, mit einem schwachen Oberhaupt. Aber hoffentlich nicht mehr zum sicheren Hafen für Terroristen.

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