https://www.faz.net/-gpf-7i0vj

Abzug aus Kundus : Zeit des Abschieds

Die bislang größte logistische Leistung der Bundeswehr: Der Rücktransport von Material und Fahrzeugen aus dem Feldlager Kundus läuft Bild: Pilar, Daniel

Nach zehn Jahren Einsatz im nordafghanischen Kundus zieht die Bundeswehr in diesen Tagen ab. Örtliche Unternehmer verlieren ihre Auftraggeber, aus Angst vor Instabilität schaffen sie ihr Geld ins Ausland. Derweil wächst der Einfluss der gefürchteten Mudschahedin-Milizen immer weiter.

          8 Min.

          Oberst Jochen Schneider steigt die wackeligen Stufen eines notdürftig zusammengezimmerten Wachturms empor. Heißer Wind weht ihm ins Gesicht. Von hier oben aus kann der Kommandeur die ganze Kaserne überblicken. Dutzende Wohncontainer, die in der gleißenden Sonne bereitstehen, um über Zentralasien und Russland nach Deutschland gebracht zu werden. Säuberlich aufgereihte Dingos, gepanzerte und bewaffnete Allradfahrzeuge, die in den vergangenen Jahren „immer weiterentwickelt wurden“, um mit der brutalen Realität von Kundus Schritt zu halten. Sie sollen nun in schwerbewachten Konvois nach Mazar-i-Sharif rollen, um von dort ausgeflogen zu werden. „Die Rückverlegung aus Afghanistan ist das Größte, was die Bundeswehr logistisch bis jetzt gemacht hat“, sagt Schneider. Unterhalb des Holzturms hat die Bundeswehr ein Notlager eingerichtet, in dem 320 Soldaten zwei Wochen lang ausharren könnten. „Nur für den Fall, dass die Afghanen doch noch einmal unsere Unterstützung brauchen“, sagt Schneider, der Kommandeur der letzten kampffähigen Einheit in Kundus. Sein Telefon klingelt. Schneider beginnt zu flüstern. Schlechte Nachrichten. Soeben ist der örtliche Leiter der Wahlkommission, Amanullah Aman, unten in der Stadt erschossen worden. Am helllichten Tag, um 10 Uhr morgens, auf einem belebten Markt. Aman hatte zuvor immer wieder vor der schlechten Sicherheitslage gewarnt und gefordert, dass die Deutschen länger bleiben sollten, bis sich nach den Wahlen im April 2014 eine neue Regierung gebildet hat. Kommt der Abzug zu früh? „Wann ist der richtige Zeitpunkt?“, fragt Schneider gereizt. „Etwa dann, wenn wir weitere Verluste zu beklagen haben?“ Nein, sagt er, der Zeitpunkt sei richtig, denn die Afghanen seien nun in der Lage, selbst für Sicherheit zu sorgen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          In wenigen Tagen werden die deutschen Soldaten in Kundus ihr Feldlager räumen und an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Zehn Jahre ist es her, dass die ersten deutschen Soldaten von Kabul aus hier in der afghanischen Pampa Neuland betraten. Der Einsatz in Kundus hat die Bundeswehr verändert wie kein anderer. Hier verwandelte sich eine Armee von vermeintlichen Brunnenbauern in eine Kampftruppe, die lernen musste, mit dem Sterben und dem Töten umzugehen. Hier wurden neue militärische Strategien und Waffensysteme erprobt. In keine andere afghanische Provinz wurde – flankierend zum Militäreinsatz – so viel deutsche Entwicklungshilfe investiert. Doch was davon wird bleiben in Kundus, nachdem die letzten deutschen Soldaten die Provinz verlassen haben?

          Eine tragische Bilanz

          Statt einer Antwort kramt Oberst Abdul Bashir Pandschiri einen Notizblock hervor, rückt die Lesebrille zurecht und intoniert mit sonorer Stimme: „Getötet: 14 Offiziere, elf Unteroffiziere, 35 einfache Polizisten. Verwundet: neun Offiziere, 15 Unteroffiziere, 64 einfache Polizisten.“ Es ist die Liste der Opfer unter den Polizisten in den vergangenen sechs Monaten allein in der Provinz Kundus. „Unser Problem ist, dass wir in abgelegenen Regionen eingesetzt werden, was gar nicht unsere Aufgabe ist, sondern die der Armee. Ein Bataillon für die ganze Provinz reicht einfach nicht“, sagt der stellvertretende Leiter des Einsatzführungszentrums in Kundus, in dem Polizei und Militär ihre gemeinsamen Operationen planen. Es ist eine Klage, die überall im Land zu hören ist. Pro Woche sterben in Afghanistan derzeit bis zu 100 Sicherheitskräfte, die meisten von ihnen Polizisten. Ein furchtbarer Blutzoll, von dem selbst Isaf-Kommandeur Joseph Dunford sagt, dass er nicht „durchhaltbar“ sei.

          Weitere Themen

          Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

          AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

          Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

          Topmeldungen

          Plädoyer vor dem Ethikrat: Matthias Habich und Lars Eidinger in „Gott von Ferdinand von Schirach“.

          Streit um von Schirachs „Gott“ : Mediziner gegen Mediziner

          Der Film „Gott von Ferdinand von Schirach“ beschwört eine heftige Kontroverse herauf. Palliativmediziner und Psychologen werfen ihm vor, er stelle die Frage nach dem Recht auf assistierten Suizid falsch. Andere Palliativmediziner und Juristen sagen nun, die Kritiker verzerrten alles von A bis Z.

          Fehlgeburten : Wenn man nur noch wimmern kann

          Meghan, die Herzogin von Sussex, hat in dieser Woche ihre Fehlgeburt öffentlich gemacht. Auch unsere Autorin wusste nicht, wie schmerzhaft der Verlust von jemandem sein würde, der nie auf der Welt gewesen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.