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Abzug aus Afghanistan : Casinokapitalismus

Rückständig: Minenarbeiter in einem Kohlebergwerk im Karkar-Tal Bild: Getty Images

Nach dem Abzug der internationalen Truppen droht Afghanistan der wirtschaftliche Zusammenbruch. Der Bergbau soll die Lücke schließen, denn das Land ist reich an Bodenschätzen.

          9 Min.

          Die Männer am Bohrloch Shakarat sehen aus, als seien sie aus der Zeit gefallen. Mit Gummistiefeln, einfachen Anoraks und Tüchern stemmen sie sich gegen den eisigen Wind. Manche von ihnen haben sich aus Plastikmüllsäcken einen zusätzlichen Schutzmantel geschneidert. Mit hochgezogenen Schultern stehen sie um einen einsamen verrosteten Lastwagen, auf dem ein Bohrarm befestigt ist. Weit und breit gibt es kein Gebäude, in dem die Mitarbeiter der staatlichen afghanischen Gasgesellschaft sich aufwärmen könnten.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Doch die Männer beklagen sich nicht. Sie sind stolz auf Shakarat, das erste neue Bohrloch, das afghanische Ingenieure je ohne ausländische Hilfe gebohrt haben. Das Gas, das hier zischend aus dem Boden tritt, hält mühsam eine Düngemittelfabrik am Leben. „Ohne uns hätten alle 4000 Mitarbeiter ihre Jobs verloren“, brüllt der alte Bohrmeister Ramazan gegen den Dieselmotor des Lastwagens an. Seit fast 50 Jahren arbeitet er für Afghan Gas und verdient umgerechnet rund 150 Euro im Monat.

          Dollarzeichen in den Augen

          Hier in Sheberghan im Norden des Landes schlug einmal das Herz der afghanischen Gasindustrie. In den achtziger Jahren gehörte der Rohstoff zu den wichtigsten Exportgütern des Landes. Abnehmer war die Sowjetunion, nach deren Lehrplänen die lokale Universität noch immer Ingenieure ausbildet. Die Ruine einer imposanten Aufbereitungsanlage zeugt von besseren Zeiten. Doch inzwischen reichen die geförderten Mengen nicht einmal mehr aus, um die kleine Provinzhauptstadt von Dschuzdschan zu versorgen. Oft warten die Bewohner bis spät in die Nacht darauf, dass sie ihre Gasheizungen anstellen können.

          Das soll sich bald ändern. Im kommenden Frühjahr will die afghanische Regierung drei Gasfelder zur Exploration durch internationale Investoren ausschreiben. Afghan Gas soll privatisiert werden. Rund die Hälfte der mehr als tausend Mitarbeiter könnten dann ihre Stellen verlieren, weil sie Analphabeten sind, glaubt der Chef von Afghan Gas, Sali Mohammed Fazili. Für sich selbst sieht er eine rosige Zukunft. „Wenn ein ausländischer Investor kommt, wird sich mein Gehalt von 500 auf 10000 Dollar erhöhen.“ Neulich war Fazili zu einer Konferenz der internationalen Öl- und Gasindustrie in Ägypten eingeladen, wo man ihn in einem Luxushotel unterbrachte. Seitdem hat er Dollarzeichen in den Augen.

          In der Stadt dagegen ist von Aufbruch wenig zu spüren. Noch jedenfalls. „Die Regierung hat schon tausendmal Dinge versprochen, die sie nicht halten konnte“, sagt Marzia Bahardori, eine Lokaljournalistin, deren Vater auf den Gasfeldern arbeitet. „Die Leute haben die Hoffnung längst aufgegeben.“ Zuletzt keimte sie 2009, als eine türkische Firma im Auftrag der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID nach Sheberghan kam, um die Wirtschaftlichkeit eines Gaskraftwerks zu untersuchen. Nachdem sieben Millionen Dollar ausgegeben waren, löste das Unternehmen den Vertrag aus Sicherheitsbedenken und wegen Problemen mit dem afghanischen Zoll auf. Die Studie wurde nie fertiggestellt.

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