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Abtreibungsverbot in Irland : Ein Triumph, aber noch kein Sieg

„Yes“-Anhänger feiern in Dublin die große Mehrheit für ein Ende des Abtreibungsverbots in Irland Bild: dpa

Die große Mehrheit für die Abschaffung des Abtreibungsverbots in Irland ist ein Triumph für die Freunde der offenen liberalen Gesellschaft. Ein Wendepunkt für Europa ist das aber noch nicht.

          Noch sind die Stimmen nicht vollständig ausgezählt, aber alle Prognosen weisen auf einen überraschend klaren Sieg der „Together for Yes“-Kampagne hin, die das Abtreibungsverbot aus der irischen Verfassung streichen will. In der Praxis hatte dieses „8. Amendment“ zu Härten geführt, weil Frauen selbst dann nicht abtreiben durften, wenn sie vergewaltigt wurden oder der Fötus missgebildet war – sie reisten daher nach Britannien. Hätten die Iren nur über diese sogenannten Härtefälle abstimmen dürfen, wäre das Ergebnis wohl noch deutlicher ausgefallen. Aber auch die nunmehr zu erwartende radikale Liberalisierung hat eine beachtliche Mehrheit gefunden. Bald dürfte sie in einer Gesetzesregelung münden, die denen im Westen Europas ähnelt, und die von den Lebensschützern als „Abtreibung auf Verlangen“ kritisiert wird.

          Irland hat sich damit einen weiteren Schritt von seiner konservativ-katholischen Tradition entfernt. Vor drei Jahren hatten sich die Iren bereits für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen – die erste Nation, die das in Form eines Referendums tat. Auch das „Outing“ von Premierminister Leo Varadkar war ohne Skandalpotential; Irland hat kein Problem mit einem schwulen Regierungschef. In all dem zeigt sich der Machtverlust der einst allmächtigen Katholischen Kirche. Sie ist von den Missbrauchsskandalen an Schulen und in Mädchenheimen derart geschwächt, dass sie sich im Referendumswahlkampf lieber zurückhielt. Ein starkes Engagement für die Beibehaltung des Abtreibungsverbots hätte der Sache wohl eher geschadet.

          Zu einem Brennpunkt der Globalisierung gewandelt

          Der Weg Irlands zu einer ganz „normalen“ westeuropäischen Nation reflektiert aber auch andere Veränderungen. In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich die Nation von einer postkolonialen Gesellschaft zu einem Brennpunkt der Globalisierung gewandelt. Viele der amerikanischen Datengiganten schlugen ihr europäisches Hauptquartier in Dublin auf. Das veränderte die Gesellschaft – ihre Zusammensetzung, aber auch ihre Ausrichtung. Die Stimmung in Städten wie Dublin und Cork ist multikulturell und liberal.

          Nach all den Rückschlägen, die die offene liberale Gesellschaft in den vergangenen Jahren einstecken musste – vom Brexit über die Wahl Donald Trumps bis zu den Erfolgen der sogenannten Populisten auf dem Kontinent – dürfen sich ihre Freunde freuen. Triumphieren sollten sie aber nicht. Viele Iren haben die Wahl gegen das Abtreibungsverbot politisch nicht überhöht und als rein individuelle Entscheidung gesehen. Ein Wendepunkt für Europa ist diese Volksabstimmung nicht. 

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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