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Abschuss von MH17 : OSZE-Experten mit Warnschüssen zurückgedrängt

  • Aktualisiert am

Unter scharfer Beobachtung: OSZE-Mitarbeiter am Freitag bei Grabovo Bild: Reuters

Die OSZE hat gegenüber FAZ.NET bestätigt, dass ihre Mitarbeiter von betrunkenen Separatisten an der Untersuchung des abgeschossenen malaysischen Flugzeugs gehindert worden sind. Verteidigungsexperten berichten, dass die Kämpfer versuchen, ihre Spuren zu verwischen.

          Nach dem Abschuss eines malaysischen Passagierflugzeugs über dem Krisengebiet in der Ostukraine beschuldigen die Behörden die prorussischen Separatisten in der Region, die Arbeit der Rettungsdienste zu behindern. Auch die OSZE wird bei der Untersuchung des Flugzeugs behindert.

          Ein Team von OSZE-Experten, das am Freitagnachmittag mit dem Helikopter zur Absturzstelle des über der Ukraine abgeschossenen malaysischen Verkehrsflugzeugs gereist war, wurde von prorussischen Separatisten mit Warnschüssen zurückgedrängt. Das bestätigte eine Sprecherin der OSZE gegenüber FAZ.NET. 17 Beobachter hätten zwar für 75 Minuten begrenzten Zugang erhalten, seien dann aber von bewaffneten prorussischen Separatisten „zu ihrer eigenen Sicherheit“ aufgehalten worden.

          Anstelle einer zwei Kilometer langen Strecke durfte sich das Team nur innerhalb einer „zugelassenen Zone“ 200 Meter weit fortbewegen, hieß es. Die Separatisten seien betrunken gewesen. Das OSZE-Team habe sich aus Sicherheitsgründen in die Stadt Donezk zurückgezogen. An diesem Samstag soll ein neuer Versuch unternommen werden, das Wrack zu untersuchen. Die Rebellen betonten indes, ukrainische und andere Experten jedweder Herkunft willkommen zu heißen. Sie dementierten Berichte der ukrainischen Regierung, nach denen Ermittler an der Arbeit gehindert würden.

          In einer Mitteillung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine heißt es, auch Mannschaften von Feuerwehr und Rettungsdiensten würden daran gehindert, die Toten, die im Unglücksgebiet geborgen worden sind, fortzubringen. Einige von ihnen seien zwar ins Leichenschauhaus der benachbarten Großstadt Donezk gebracht worden, andere seien aber noch immer am Unglücksort. Einem Bericht der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine ist zu entnehmen, dass die Toten im Absturzgebiet mittlerweile Zeichen von Verwesung zeigten.

          Keine Zusagen über die Sicherheit der Rettungsmannschaften

          Im Sicherheits- und Verteidigungsrat hieß es, die prorussischen Separatisten, die das Absturzgebiet kontrollierten, hätten der Regierung in Kiew keinerlei Zusagen über die Sicherheit der Rettungsmannschaften gemacht. Sanitätsdienste und Feuerwehr arbeiteten deshalb lediglich aufgrund der zuletzt eingeübten Praxis, dass die Rebellen sie gewähren lassen.

          Nach Angaben westlicher Verteidigungs- und Geheimdienstexperten versuchen prorussische Separatisten im Osten der Ukraine, mit Hilfe Russlands alle Spuren zu verwischen, die als Beweismaterial für ihre Beteiligung am Abschuss des Fluges MH17 dienlich sein könnten. Die ukrainische Regierung wirft den Separatisten vor, 38 Leichen vom Absturzort weggeschafft zu haben und ukrainischen Ermittlern keinen Zugang zum Gebiet zu gewähren, hieß es in einer am Samstag verbreiteten offiziellen Erklärung.

          Zahlreiche Beiträge von Aufständischen in sozialen Netzen, in denen ruhmreich von einem Abschuss einer ukrainischen Antonov-Frachtmaschine die Rede war, sind gelöscht worden, seit allen klar ist, dass ein ziviles Passagierflugzeug getroffen wurde. Separatisten hatten betont, die Einträge im Netz seien nicht von ihnen eingestellt worden, sondern von einem Sympathisanten, der vom Absturz einer ukrainischen Militärmaschine ausgegangen war. Ein weiterer Beitrag mit den Worten „Wir haben euch gewarnt – fliegt nicht in unseren Luftraum“ wurde ebenfalls gelöscht. Auch Videos vom vergangenen Monat, die die Inbesitznahme einer Buk-Rakete aus einer ukrainischen Luftwaffenbasis zeigen, sollen entfernt worden sein.

          Ein Wrackteil der MH17 in der Nähe von Donetsk: Wer hier untersuchen will, muss erst an den Separatisten vorbei.

          Separatisten „erschweren die Arbeit erheblich“

          „Die Aktivitäten zeigen uns, dass die Separatisten jetzt wissen, dass sie es mit einem internationalen Vorfall zu tun haben“, sagte ein Geheimdienst-Experte der Nato nach Angaben des „Guardian“. „Diese Russland-Getreuen haben nun offenbar auch den Auftrag erhalten, sämtliche Hinweise zu vernichten. Wer weiß, ob wir den Buk-Raketenwerfer noch einmal wieder sehen werden, oder ob jemand versuchen wird, alle Beweise in einem Fluss zu versenken.“

          Das ukrainische Innenministerium veröffentlichte ein Video, das angeblich von der Polizei aufgezeichnet wurde und einen Buk-Raketenwerfer mit drei statt vier Raketen zeigt, der im Morgengrauen in Richtung der russischen Grenze unterwegs ist. Die Echtheit des Videos konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden. Ein anderes Video, angeblich vom Donnerstag, zeigt den Raketenwerfer in der von Separatisten kontrollierten Region zwischen Snizhne und Torez, ein Standbild soll eine abschussbereite Rakete in der Nähe eines Supermarktes zeigen.

          Serhij Taruta, Gouverneur des Verwaltungsbezirks Donezk, gab bekannt, Rettungskräfte hätten bislang 182 Leichen geborgen und suchten nach weiteren, gleichwohl sie von den Separatisten daran gehindert würden. „Sie erschweren die Arbeit internationaler Ermittler und ukrainischer Experten erheblich“, sagte Taruta.

          Auch malaysische Ermittler sollen untersuchen

          Am Samstag wird ein malaysisches Ermittlerteam in Kiew erwartet. Dies bestätigte Malaysias Regierungschef Najib Razak nach einem Telefonat mit Russlands Staatschef Wladimir Putin am späten Freitagabend. In dem Gespräch habe er Putin aufgefordert, dafür zu sorgen, dass unabhängige Ermittlungen möglich seien, wurde der Ministerpräsident von der malaysischen Nachrichtenagentur Bernama zitiert. Nach Angaben der Fluglinie Malaysia Airlines sollen insgesamt 62 Ermittler anreisen.

          Die Regierung in Kiew hat Experten der Luftsicherheitsbehörden Malaysias und der Niederlande eingeladen, die Unglücksstelle zu untersuchen. Auch Experten von Boeing, der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), der Europäischen Zivilluftfahrt-Konferenz (ECAC), der Organisation zur zentralen Koordination der Luftverkehrskontrolle in Europa (Eurocontrol) und der Europäischen Kommission seien willkommen.

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