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Abschiebungen nach Niger : Algerien setzt Tausende Migranten in der Wüste aus

Migranten aus Niger und anderen Ländern machen sich im Juni 2018 von der nigrischen Stadt Agadez auf den Weg nach Algerien. Bild: AP

Die Zahl der Abschiebungen von Migranten aus Algerien hat in den vergangenen Wochen drastisch zugenommen. Viele der Menschen werden in Lastwagen bis an die Grenze mit Niger gebracht – und dann einfach in der Sahara ausgesetzt.

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          Die algerischen Lastwagen stoppen oft mitten in der Wüste. „Sie ließen uns dort zurück und sagten: ,Das ist der Weg nach Niger.‘ Ich hatte keine Schuhe und lief barfuß. Wir brauchten fünf oder sechs Stunden“, berichtete Abdul aus Sierra Leone. Gut 15 Kilometer sind es vom „Point Zero“ bis nach Assamaka, dem ersten Ort jenseits der algerisch-nigrischen Grenze. Mehr als 40 Grad heiß werden kann es dort. Niemand weiß, wie viele sich dort verlaufen. Ivorische Migranten klagten gegenüber der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) darüber, algerische Soldaten hätten ihnen sogar Kleidung weggenommen. „Ihr seid mit nichts nach Algerien gekommen, und ihr werdet mit nichts gehen“, hätten sie den Migranten gesagt, bevor diese in der Wüste ausgesetzt wurden.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit September haben die Abschiebungen aus Algerien dramatisch zugenommen. Tausende Migranten wurden schon nach Niger gebracht, seit sich in der Region die erste Welle der Corona-Pandemie etwas abgeschwächt hat. Der Nachbarstaat ist eines der wichtigsten Transitländer auf dem Weg nach Europa. Jede Woche korrigiert die Initiative Alarme Phone Sahara, zu der sich mehrere Hilfsorganisationen zusammengeschlossen haben, die Zahlen nach oben. Bei Human Rights Watch spricht man inzwischen von mehr als 6200 Migranten, die zwischen Anfang September und Ende Oktober abgeschoben worden seien. Etwa 3400 Nigrer seien in offiziellen Konvois angekommen, während 2800 andere Staatsangehörige aus mehr als 20 Ländern an der Grenze ausgesetzt worden seien, heißt es bei Human Rights Watch: „Die großen Razzien und Verhaftungen in Algerien sind weiter im Gange.“ Davon betroffen seien auch Menschen aus Syrien, Palästina, dem Jemen und Bangladesch.

          Bild: F.A.Z.

          Menschenrechtler und das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) sind beunruhigt darüber, dass unter den Abgeschobenen wieder Dutzende Asylsuchende und Flüchtlinge aus westafrikanischen Staaten wie Mali, Guinea oder Kamerun sind. Wie in der Vergangenheit wird bei den Razzien keine Rücksicht darauf genommen, dass das UNHCR über die Anträge dieser Asylbewerber noch nicht entschieden hatte. In den vergangenen Wochen habe die algerische Polizei Migranten auf der Straße, in deren Wohnungen und auf Arbeitsstellen festgenommen, schrieb Human Rights Watch im Oktober in einem Bericht.

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          Oft hätten sie keine Chance gehabt, ihre Habseligkeiten mitzunehmen oder ihre Anwälte zu verständigen, bevor sie für die gut 2000 Kilometer lange Reise nach Tamanrasset im Süden des Landes in einen Bus gesetzt wurden. Dort wurden viele wochenlang interniert, dann fuhren Militärlastwagen sie an die Grenze. Sowohl unbegleitete Kinder als auch Kinder, die während der Razzien von ihren Familien getrennt wurden, seien abgeschoben worden. Einige von ihnen waren nach Angaben von Hilfsorganisationen jünger als zehn Jahre. Unter den Ankömmlingen in Niger seien auch Kranke, Schwangere und Verletzte gewesen.

          Eine „Kriegserklärung gegen die Migranten“

          Der algerische Innenminister Kamel Beldjoud hatte Ende September vor dem Parlament eine neue Initiative angekündigt, um die „illegale Migration“ zu bekämpfen – für die Aktivisten von Alarme Phone Sahara kommt die Reform der Migrationspolitik einer „Kriegserklärung gegen die Migranten“ gleich. Der algerische Innenminister hob indes hervor, die Deportationen seien „freiwillig“ und „in Übereinstimmung mit internationalen Menschenrechtsabkommen“ erfolgt. Das trifft jedoch nur auf einen Teil der Menschen zu. Vor sechs Jahren haben Algerien und Niger ein Abkommen geschlossen, das Grundlage für die Rückführung nigrischer Bürger ist, die sich ohne die nötigen Papiere in Algerien aufhalten. Sie werden in „offiziellen“ Konvois direkt nach Agadez in Niger transportiert.

          Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kehrten in diesem Jahr bis Ende September 6400 Nigrer auf diesem Weg zurück. Gleichzeitig habe Algerien im selben Zeitraum mehr als 6500 Migranten mit anderen Staatsangehörigkeiten abgeschoben. Nach ihrem Fußweg über die Wüstengrenze versorgen IOM-Mitarbeiter sie in Assamaka mit dem Nötigsten. Laut der IOM belief sich im Jahr 2020 die Gesamtzahl dieser abgeschobenen Ausländer auf mehr als 15.000, während in „offiziellen“ Konvois gut 10.000 Nigrer heimkehrten.

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