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Abgeschoben nach Afghanistan : „Willkommen zurück – und tschüss“

Mit den Gedanken noch immer in Deutschland: Morteza und Aki in ihrer vorübergehenden Bleibe in Kabul Bild: Mariam Alimi

Fast hundert Afghanen hat Deutschland in den vergangenen Monaten nach Kabul abgeschoben. Manche sind zum ersten Mal im Land – andere wiederum befinden sich längst auf dem Weg zurück nach Europa.

          Ein einfaches Zimmer im Kabuler Studentenviertel, 15 Quadratmeter mit abgewetztem Teppichboden. Ein paar Matratzen, ein Campingkocher, ein Stapel Zigarettenschachteln, drei Koffer und drei junge Männer mit einem zerplatzten Traum. Durch das Fenster sieht man den „TV Hill“, das inoffizielle Wahrzeichen der afghanischen Hauptstadt, mit seinen großen Fernsehantennen und den kreuz und quer in den Hang gebauten Lehmhäusern. Weiter unten, im Dunst des Kabuler Smogs, stehen die neuen schicken Apartmenthäuser. Auf der Straße schlendern Studenten an Schaufenstern mit knallig roten und grünen Brautkleidern vorbei. Es sind junge Männer wie die Drei in dem kleinen Zimmer mit dem großen Fenster.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Aber die Drei schauen nicht aus dem Fenster. Die Stadt, das Land da draußen interessieren sie nicht. Sie bleiben in den 15 Quadratmetern. Auf dem Boden liegt ein Buch mit dem deutschen Titel „Ich zeige meine Stadt“. Das Buch gehört Aki. Aki ist nicht sein richtiger Name, jedenfalls nicht der, den seine Eltern ihm vor 24 Jahren im westafghanischen Herat gegeben haben. Aber er mag den Namen, weil er ihn an Deutschland erinnert. Seine Gastfamilie in Bamberg nannte ihn so. Ein Jahr hat Aki bei ihnen gelebt, bevor er am 24. Januar nach Kabul abgeschoben wurde. In einem Charterflugzeug von München aus mit 25 anderen Afghanen, bewacht von mehr als 70 Polizisten. Es war die zweite von bisher vier Sammelabschiebungen, bei denen insgesamt 92 junge Männer gegen ihren Willen aus Deutschland nach Afghanistan zurückgebracht wurden.

          „Ich will Altenpfleger werden“

          Noch immer telefoniert Aki täglich mit seinen früheren Gasteltern. Sie hätten versprochen, sagt er, ihn nach Deutschland zurückzuholen, einen Antrag auf Verkürzung seiner Wiedereinreisesperre zu stellen. Für Deutschland mag sein Fall erledigt sein, für Aki ist er das noch lange nicht. „Ich will Altenpfleger werden“, sagt er. Einen Ausbildungsplatz in Bamberg habe er schon. Deshalb hat er sich drei Monate nach seiner Rückkehr auch noch gar nicht mit dem Gedanken an eine Jobsuche in Kabul beschäftigt. Siebenhundert Euro Reintegrationshilfe bietet Deutschland jenen an, die einen Vertrag mit einer Fortbildungsstätte oder einem Geschäftspartner oder einen einjährigen Mietvertrag vorlegen. Doch für Aki kommt das nicht in Frage. Sein Zimmer in Kabul verlässt er kaum, die Stadt da draußen ist ihm nicht geheuer, seit er im Februar in der Nähe des Obersten Gerichtshofs war, als dort eine Bombe explodierte. Wenn er Hunger hat, bittet er ein paar Studenten aus dem Haus, ihm etwas Essen mitzubringen. Er gibt ihnen dafür Deutschunterricht. Heute gab es Kartoffeln mit Brot.

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