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75 Jahre „D-Day“ : „Ich habe doch nur meinen Job gemacht“

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Für viele Besucher an diesem Tag ist Vincent Speranza ein Held – auch wenn er erst Monate nach dem D-Day in die Normandie kam. Bild: Sönke Sievers

Zum 75. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie zelebrieren Franzosen und Amerikaner ihre Freundschaft – doch der Schein der Einigkeit trügt.

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          Vincent Speranza sitzt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, in einem grünen Gartenstuhl aus Plastik und hat alle Hände voll zu tun. Mit einer dicke Zigarre im Mundwinkel schreibt er Autogramme und posiert für Fotos. Der 94 Jahre alte New Yorker ist ein amerikanischer Weltkriegsveteran und damit dieser Tage in der Normandie nicht weniger als ein Popstar. Männer und Frauen aller Altersgruppen scharen sich um ihn. Ein Mann Mitte 30 hält ihm ehrfürchtig einen Bierdeckel und einen schwarzen Filzstift hin, eine Frau aus der Gegend möchte ihm einfach nur die Hand schütteln und ihm für seinen Einsatz danken. Dabei war Speranza gar nicht vor Ort am D-Day, dem Tag X vor 75 Jahren. Er kam erst ein paar Monate später zum Einsatz. Seinen Bewunderern macht das nichts. Für sie ist Speranza ein Held, auch wenn er das nicht gerne hört. „Ich habe doch nur meinen Job gemacht“, sagt er und zieht an seiner Zigarre.

          Sönke Sievers

          Redakteur der digitalen Ausgabe der F.A.Z.

          Am D-Day, dem 6. Juni 1944, landeten die Alliierten an fünf Stränden der Normandie. Amerikaner, Briten, Franzosen, Polen, Niederländer, Dänen und Angehörige des Commonwealth – sie alle traten an, um die von Adolf Hitler ausgerufene „Festung Europa“ zu stürmen. Eine zweite Front im Westen sollte das nationalsozialistische Deutschland schwächen und die im Osten kämpfende Rote Armee entlasten. Für die Landung in Frankreich zog man die größte Armada in der Geschichte der Menschheit zusammen. Auf mehr als 6000 Schiffen landeten 150.000 Soldaten an der französischen Küste. 20.000 Fallschirmjäger sprangen hinter die deutschen Linien, um Straßenkreuzungen und Brücken zu besetzen und so ihre vom Strand her angreifenden Kameraden zu unterstützen. Es sollte der Anfang vom Ende des „Dritten Reichs“ sein. Bis Juli 1944 wuchs die alliierte Streitmacht in Europa auf 850.000 Mann und 148.000 Fahrzeuge an. Im September überquerten amerikanische Soldaten erstmals die Reichsgrenze. Ein halbes Jahr später war der Zweite Weltkrieg in Europa vorbei.

          Reenactment-Gruppen haben in Sainte-Marie-du-Mont ihre Zelte aufgeschlagen.

          Das Dorf Sainte-Marie-du-Mont, nur wenige Kilometer südöstlich des Landungsabschnitts Utah-Beach gelegen, war der erste französische Ort, den die amerikanischen Truppen in der Morgendämmerung des 6. Juni 1944 befreien konnten. 75 Jahre nach der Landung der Alliierten wird in der Gemeinde mit weniger als 800 Einwohnern Geschichte greifbar. Rings um die Kirche in der Ortsmitte haben Freiwillige braune Militärzelte aufgebaut. Sogenannte Reenactment-Gruppen haben dort Quartier bezogen, sie stellen die Ereignisse der damaligen Zeit nach. Aus aller Welt sind Hobby-Soldaten angereist. In ihren originalgetreuen Uniformen lehnen sie an aufwendig restaurierten Jeeps, die zu Dutzenden die Straßenränder säumen. „Ich stehe hier und habe das Gefühl, es ist 1944“, sagt ein amerikanischer „Colonel“. „Nur, dass keine Schüsse fallen.“

          Und dann kommen sie. Die vierte Infanteriedivision hält feierlich Einzug in Sainte-Marie-du-Mont. Eine kleine Abordnung junger Soldaten ist zuvor von Utah-Beach aus gestartet, um die sieben Kilometer vom Meer in den Küstenort zu überwinden. Sie ehren damit ihre historischen Vorbilder. Männern der vierten Infanteriedivision gelang es vor 75 Jahren, die deutschen Besatzer zu vertreiben. Seitdem verbindet Gemeinde und Soldaten eine Freundschaft. Die amerikanische Marschkolonne wird an diesem Nachmittag begleitet von französischen Freizeit-Soldaten, sie stellen die historische vierte Division nach. Am Kriegsdenkmal gegenüber der Kirche werden Kränze niedergelegt, Reden gehalten – auf den Frieden, auf die Freundschaft. Eine Schweigeminute, dann singt fast der gesamte Ort inbrünstig. Erst die Marseillaise, dann erklingt die amerikanische Hymne. Bis in die Abendstunden wird gefeiert.

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