https://www.faz.net/-gpf-9rndp

70 Jahre Volksrepublik : Schlaflose Nächte wegen Mao

Xi Jinping legt im März letzten Jahres in der Großen Halle des Volkes den Eid auf die Verfassung ab. Bild: dpa

Am Dienstag feiert China den 70. Jahrestag des Beginns der kommunistischen Herrschaft. Mit einer großen Militärparade will die Pekinger Führung Stärke zeigen. Doch sie lässt vor dem Jubiläum auch Nervosität erkennen.

          4 Min.

          Es soll die größte Militärparade in der Geschichte der Volksrepublik China werden. Am kommenden Dienstag, dem 70. Jahrestag des Beginns der kommunistischen Herrschaft, will die Pekinger Führung dem Land und der Welt Chinas Stärke demonstrieren. Für die Partei ist es ein ganz besonderes Jubiläum. Denn die Kommunistische Partei der Sowjetunion, der große Konkurrent, brachte es nur auf 69 Jahre Herrschaft. Die Vorbereitungen auf die große Feier erwecken allerdings nicht den Eindruck einer selbstbewussten Führung. Es herrscht Nervosität in Peking.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Kontrolle über das Internet wurde so sehr verschärft, dass sich selbst der Chefredakteur der Parteizeitung „Global Times“ beschwerte. „Dieses Land ist nicht fragil“, stellte Hu Xijin im chinesischen Netzwerk Weibo klar. „Die große Mehrheit unserer Leute ist patriotisch und liebt die Partei aus vollster politischer Überzeugung.“ Deshalb wäre es ein Ausdruck der Reife des Landes, wenn die Gesellschaft mehr Zugang zum weltweiten Internet bekommen würde, schrieb Hu. Seine Vorgesetzten waren offenbar anderer Ansicht. Der Eintrag wurde später wieder gelöscht.

          Balkonverbot und Sichtschutz für Anwohner

          Auch der Himmel über Peking ist in diesen Tagen ein sensibler Ort. Ein zweiwöchiges Flugverbot für Brieftauben wurde erlassen. Drachen, Ballons und Drohnen aufsteigen zu lassen ist ebenfalls nicht erlaubt. Offenbar fürchten die Verantwortlichen, dass Unbefugte sich einen Eindruck von den seit Wochen dauernden Proben zur Militärparade verschaffen könnten. Anwohnern wichtiger Stichstraßen wurde es verboten, ihren Balkon zu betreten. Vor manchen Fenstern wurde ein Sichtschutz installiert. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Tiananmen-Platz sind so strikt, dass die Hotels im Umkreis für den Jubiläumstag und die Tage davor keine Buchungen annehmen dürfen. Das gilt auch für die 825 Zimmer im Grand Hyatt, wo zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel abgestiegen war. An den Pekinger Bahnhöfen und an der Grenze zu Hongkong wurden ebenfalls die Sicherheitsmaßnahmen verschärft.

          Besonders scharf wacht die Partei vor einem solchen Großereignis über die richtige Auslegung der Geschichte. Angesichts der Brüche und Widersprüche im offiziellen Narrativ ist das allerdings nicht einfach. Das bekam vor einigen Tagen das chinesische Staatsfernsehen zu spüren. Eine empörte Anruferin warf dem Sender vor, „die Ära des Vorsitzenden Mao vorsätzlich besudelt“ zu haben. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, raunzte die Frau ins Telefon. „Bitte nehmen Sie das auf und übermitteln Sie es dem Direktor von CCTV.“

          Ideologie vor Fakten, Patriotismus statt Sozialismus

          Der Grund für ihren Wutausbruch war eine Grafik des Senders, die zeigte, dass sich Chinas Wirtschaftsleistung in Dollar berechnet seit 1952 mehr als vervierhundertfacht hat. Die Kurve verläuft allerdings während der Mao-Ära horizontal und steigt erst nach dessen Tod schlagartig an. Ein Mitschnitt des Anrufs, begleitet von hämischen Kommentaren, erfreut sich im chinesischen Internet derzeit großer Beliebtheit. Denn die Mao-Anhängerin sprach aus, was in China jeder weiß: dass Ideologie mehr zählt als Fakten.

          Weitere Themen

          In der Zwickmühle

          5G-Aufbau : In der Zwickmühle

          Beim Aufbau des 5G-Netzes ist Deutschland auf fremde Hardware angewiesen, doch Huawei will man nicht vertrauen. Muss Deutschland seine „Sicherheitsphilosophie“ überdenken?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.