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39 Leichen in Lastwagen : „Es war nur eine Frage der Zeit“

In diesem Lastwagen fanden Rettungskräfte die 39 Toten. Bild: Reuters

Immer wieder bringen Schlepper Migranten illegal nach Großbritannien. Nun haben mehrere Dutzend die Überfahrt mit ihrem Leben bezahlt.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          In dem vom britischen Premierminister Boris Johnson angeführten Chor des Entsetzens über die Entdeckung von 39 Leichen in einem Lastwagen-Container auf einem Industriegelände in der Grafschaft Essex ragte eine Stimme heraus. Es war die von Nick Boles – dem Abgeordneten also, der im März aus der konservativen Partei ausgetreten war aus Verdruss über die mangelnde Fähigkeit der Tories, einen Kompromiss in der Suche nach einem geregelten Brexit zu finden. Boles dürfte am Mittwoch für viele gesprochen haben, als er sagte, dass „von Zeit zu Zeit etwas wirklich Schreckliches den das Parlament umhüllenden Brexit-Nebel“ durchbreche und „uns daran erinnert, wie viele wichtigere Fragen vernachlässigt werden, während wir in diesem Sumpf Wasser treten.“ 

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der irische Aufkleber mit der keltische Harfe und den Worten „der ultimative Traum“ an der Windschutzscheibe des Lastwagens, in dem die 39 Opfer – unter ihnen ein Teenager – wohl den Tod fanden, verleiht deren vergebliche Reise zusätzliche Prägnanz. „Jedes der Opfer ein Leben voller unnötig ausgelöschter Hoffnung“, wie Nick Boles es formulierte. Die Schreckensnachricht hat die Aufmerksamkeit wieder auf das Schicksal von Migranten und Flüchtlingen gelenkt, die um jeden Preis nach Europa gelangen wollen. 

          Identifizierung hat oberste Priorität

          Über das Unglück von Grays in der Grafschaft Essex waren am Mittwoch zunächst nur grobe Umrisse bekannt. Die Polizei bezeichnete die Identifizierung der Toten als oberste Priorität, wollte jedoch keine näheren Angaben über deren Nationalität machen. Der Lastwagen, der am vergangenen Samstag in dem mehr als 500 Kilometer von Grays entfernten walisischen Fährhafen Holyhead ankam, soll zwar aus Bulgarien stammen. Da das Land Mitglied der Europäischen Union ist, gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass es sich um bulgarische Staatsbürger handelt.

          Es wird vermutet, dass der Lastwagen die ungewöhnliche Route vom europäischen Festland über die irische Republik zum walisischen Fährhafen Holyhead wählte, um die strengeren Kontrollen in Calais und Dover zu umgehen. Ende August hatten die Innenminister Frankreichs und Großbritanniens verschärfte Maßnahmen vereinbart, um Menschenschmuggler zu bekämpfen, nachdem die Zahl versuchter Kanalüberquerungen mit Booten im vergangenen Jahr erheblich gestiegen ist. Fachleute führen das auf Torschlusspanik vor dem Brexit zurück. 

          Polizeimeldungen belegen diesen Anstieg der Versuche, den „ultimativen Traum“ zu verwirklichen. Erst am Montag hatte die National Crime Agency, die britische Ermittlungsbehörde für organisiertes Verbrechen, die Festnahme von fünf Männern bekanntgegeben, die der Beihilfe zur illegalen Einwanderung verdächtigt werden. Die Grenzbehörden hatten auf einen Hinweis der National Crime Agency hin am 19. Oktober – demselben Tag, an dem der bulgarische Lastwagen Holyhead erreichte – dreizehn Migranten im Heuabteil eines Viehtransporters im Hafen von Calais entdeckt. Im September nahm die Polizei sechs der Schlepperei verdächtigte Männer fest und beschlagnahmte ein Boot, nachdem zwölf Migranten in West-London in einem Lastwagen entdeckt worden waren. Bei der Stichprobenkontrolle eines deutschen Lastwagens an der Autobahn in Kent fand die Polizei im März achtzehn illegale Einwanderer. Ende September befahl der zentrale Strafgerichtshof dem Anführer einer britischen Bande von Menschschmugglern, die bis zu 5500 Pfund pro Person verlangte hatte, um Albanier in Schlauchbooten über den Ärmelkanal zu transportieren, sein gesamtes Vermögen in Höhe von 138.000 Pfund abzugeben. 

          „Es war eine Frage der Zeit“

          Die Häufigkeit solcher Fälle bezeugte am Mittwoch auch die konservative Abgeordnete Jackie Doyle-Price für den Wahlkreis Thurrock, in dem die Unglücksstätte von Grays liegt. Sie teilte dem Unterhaus mit, es komme in der Gegend regelmäßig vor, dass Menschen in Metallcontainern entdeckt würden. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine Tragödie geschah“, sagte sie. Obwohl sich die Polizei sich nicht dazu äußern wollte, war die Abgeordnete keineswegs die einzige, die das Unglück mit dem Menschenhandel in Verbindung brachte. Richard Burnett, Geschäftführer des Güterkraftverkehrsverbandes sagte, „die Tragödie wirft ein Schlaglicht auf die Gefahr menschenschleppender Mitgranten-Banden“. Burnett zufolge könnte die Temperatur in dem Kühlwagen bis zu minus 25 Grad erreicht haben. Die Konditionen müssen „absolut fürchterlich“ gewesen sein.

          Der Leichenfund in der Nacht zum Mittwoch ist der gravierendste britische Fall dieser Art seit Juni 2000. Damals wurden achtundfünfzig Chinesen in Dover tot aufgefunden. Sie sind in einem Kühllastwagen erstickt.

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