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Impfaktion in Indien : Wie immunisiert man mehr als eine Milliarde Menschen?

Ein Medizinischer Mitarbeiter wird im All India Institute of Medical Science in Neu Delhi von einer Krankenschwester mit dem Corona-Impfstoff geimpft Bild: dpa

Die weltweit größte Impfaktion gegen das Coronavirus ist ein gewaltiges Vorhaben. Die Regierung in Delhi baut dazu auf eine App und die Erfahrungen landesweiter Urnengänge und früherer Impfprogramme.

          4 Min.

          Das Unterfangen, ein Milliardenvolk zu impfen, beginnt an diesem Ort im Nebel. Das Gesundheitszentrum in Bhawan Bahadur Nagar, 90 Kilometer von der indischen Hauptstadt Delhi entfernt, ist am Morgen von weißen Schwaden umgeben. Der landesweite Startschuss zum Impfbeginn kommt am Samstag um 10.30 Uhr, als sich Indiens Ministerpräsident Narendra Modi per Video an das Volk richtet. Die Rede wird live auf einem Fernseher in dem Gesundheitszentrum gezeigt. „Kein Land hat jemals in der Geschichte eine Impfkampagne dieses Ausmaßes durchgeführt“, dröhnt Modis Stimme durch die Räume. Tatsächlich ist es ein gewaltiges Vorhaben: 300 Millionen Menschen sollen bis Juli geimpft werden. Zunächst 30 Millionen Mitarbeiter aus dem Gesundheitsbereich sowie Angehörige der Polizei, des Militärs, Gefängnispersonal und Bedienstete von Behörden, die mit der Corona-Eindämmung zu tun haben, und danach 270 Millionen Menschen über 50 Jahre und Angehörige von Risikogruppen.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Damit wären im Sommer fast ein Viertel der 1,35 Milliarden Einwohner Indiens geimpft. Doch ob dies klappt, liegt auch an Tausenden Gesundheitszentren wie diesem, zu dem ein paar Behandlungszimmer und ein kleines Krankenhaus mit 30 Betten gehören. In einem Hinterzimmer des Zentrums steht eine blaue Kühlbox mit einem Schild „Covid-19-Vakzin“. Der Chefarzt Sushil Kumar Jain berichtet der F.A.Z., dass der Impfstoff am Abend zuvor in einem Lieferwagen unter Polizeischutz aus dem Bezirkshauptquartier in Bulandshahr im Bundesstaat Uttar Pradesh gebracht worden war. In dem kleinen Krankenhaus war das Vakzin über Nacht in einem Tiefkühler aufbewahrt worden, der extra zu diesem Zweck angeschafft werden musste. Wie in allen Zentren, die am Samstag mit den Impfungen begonnen hatten, sollten auch in diesem erst einmal bis zu 100 Ärzte, Pflege- und Reinigungskräfte geimpft werden. Die Impfungen sollen am Samstag in einer Woche und am Montag darauf fortgesetzt werden. 

          Das Gesundheitsministerium spricht nach dem ersten Tag seiner riesigen Impfkampagne von einem Erfolg. An 3352 Orten hätten Impfungen stattgefunden, mehr als 190.000 Personen bekamen die erste Dosis verabreicht (die zweite folgt 28 Tage später). Angesichts von 10,5 Millionen Corona-Fällen seit Beginn der Pandemie ist das eine gute Nachricht. Die Prozedur läuft in dem kleinen Gesundheitszentrum am ersten Tag allerdings nicht vollkommen reibungslos ab. Die indische Impfkampagne setzt auf eine App mit dem Namen „Co-Win“. Mit ihr wollen die Behörden den Überblick darüber behalten, wer wann geimpft worden ist. Doch das Mobilfunknetz spielt nicht mit. Es dauert viel länger als geplant, die Namen der Impfkandidaten in der App zu melden. Jeder Einzelne muss aber eingetragen sein, bevor er auf den Stuhl gesetzt wird, auf dem ihm eine Krankenschwester die Nadel in den Oberarm sticht.

          Der Erste, der hier diese Prozedur hinter sich gebracht hat, ist ein 40 Jahre alter Mitarbeiter mit dem Namen Mahesh Kumar. Der Teeverkäufer des Krankenhauses zieht den Mann vorher auf: „Du bist der Erste, wenn etwas schief geht, dann trifft es nur Dich“, witzelt er. Tatsächlich kommt es im Laufe des Vormittags ein paar Mal zu ungewollten Reaktionen auf das Vakzin. Noch bevor die Hälfte der geplanten verteilt sind, hat es bei vier der zu impfenden Frauen Probleme gegeben. Eine Krankenschwester hat sogar kurz das Bewusstsein verloren und muss vorübergehend mit Sauerstoff versorgt werden. Die Vorfälle bieten unter den Impfkandidaten Anlass zu Diskussionen. Dann geben sich die Krankenhausmitarbeiter den Journalisten gegenüber plötzlich sehr zugeknöpft. Auch aus der Hauptstadt Delhi gibt es später Berichte von unerwünschten Reaktionen auf den Impfstoff.

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