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Weißrussland 30 Jahre danach : Die Rückgewinnung der verstrahlten Erde

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Viele haben es vergessen, aber nicht alle: Eine Demonstrantin erinnert am 26. April in Minsk zum 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe daran, dass die Folgen des Strahlenaustritts auch heute noch relevant für die weißrussische Bevölkerung sind. Bild: dpa

Weißrussland hat einen Teil der evakuierten Dörfer nördlich von Tschernobyl wieder als besiedelbar erklärt und möchte die Wirtschaft ankurbeln. Dazu sind viele Mittel Recht.

          Andrej ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Junge. Wenn nur sein Immunsystem nicht so angeschlagen wäre. Auf den ersten Blick sieht man es ihm nicht an, aber wenn die Schweizer Kinder mit ihm schwimmen gehen oder draußen Fußball spielen, ist der Junge aus Weißrussland immer der Erste, der außer Atem gerät oder nach zwei Bahnlängen erschöpft das Schwimmbecken früher verlassen muss. Die Schweizer Tschernobylhilfe Hardwald betreut jedes Jahr Kinder aus Belarus, die sich während vier Wochen in der Schweiz von den Folgen ihrer radioaktiven Verstrahlung erholen können.

          Den Großteil der Radioaktivität haben die Kinder in ihrer Heimat über das Essen aufgenommen, das aus den Feldern und Wäldern stammt, welche die Dörfer in der Nähe von Tschernobyl umgeben. Vereine wie die Schweizer Tschernobylhilfe gibt es auch in Deutschland mehr als fünfzig. Sie tragen alle ähnliche Namen wie „Kinder von Tschernobyl“ oder „Tschernobyl Initiative Beckum“. Die Ziele sind identisch: Den Tschernobyl-geschädigten Menschen etwas Gutes tun, indem man sich politisch für die geschädigte Bevölkerung einsetzt und einigen Kindern ein wenig Erholung in Deutschland oder der Schweiz ermöglicht.

          700 Kinder und Jugendliche werden 2016 einen Erholungsaufenthalt bei Gastfamilien in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden verbringen. Früher waren es Tausende, die nach Europa, Kanada, Japan oder in die Vereinigten Staaten flogen. Heute haben die Vereine mit einem stark gesunkenem Interesse seitens der Gastfamilien, aber auch der Freiwilligen, zu kämpfen. Das könnte daran liegen, dass viele denken, die Lage in Weißrussland sei viel besser. Tatsächlich ist das Thema Tschernobyl auch im Nachbarland Weißrussland größtenteils aus der öffentlichen Diskussion verschwunden.

          Die Regierung von Weißrussland sieht die radioaktive Strahlung wohl als nicht so gefährlich an wie viele Wissenschaftler und Bürgerrechtler, die das schon seit langem mit Sorge tun. Jahr für Jahr erklärt Belarus mit ihrem Staatsprogramm „Wiedergeburt der heimischen Erde“ große, radioaktiv verseuchte Gebiete für wieder bewohnbar. Eine weißrussische Lokalzeitung aus Luninez schrieb von 220 Dörfern pro Jahr. Als Legitimation dient oftmals die erreichte Halbwertszeit des Isotops Cäsium-137, das seine Halbwertszeit nach 30 Jahren erreicht hat.

          Weißrussland erzählt nur die halbe Wahrheit

          Physiker Sebastian Pflugbeil, seit 17 Jahren Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, weiß, dass die Sache mit der Radiotoxizität nicht so einfach ist, wie das die Regierung aus Minsk vermittelt. „Ich denke, dass Weißrussland wie auch Japan die wegen der Nuklearunfälle gesperrten Nutzflächen möglichst klein halten möchten – schon aus wirtschaftlichen Gründen.“ Was oft nicht angesprochen wird, ist das Plutonium, welches bei der Kernschmelze vom 26. April 1986 auch freigesetzt wurde. Das Plutonium 241 hat zwar nur eine Halbwertzeit von 14 Jahren, das Zerfallsprodukt ist aber das ebenso gefährliche Americium 241 mit einer Halbwertszeit von 432 Jahren – was bedeutet, dass die betroffenen Gebiete über Jahrhunderte nicht genutzt werden können.

          Wolfgang Weiß, Physiker und Präsident des Komitees der Vereinten Nationen für die Folgen der Strahlung (UNSCEAR), relativiert die Bedenken. Im vergangenen November war er in Minsk und wunderte sich, dass „Weißrussland immer noch im Notzustand sei“. Es gäbe eben Leute, die sich von Pilzen und Wild aus Wäldern, die kontaminiert sind, ernährten. Wenn bei diesen Menschen dann die Radioaktivität gemessen werde, sehe man natürlich ungewöhnlich hohe Werte. Wie Pflugbeil kennt sich Weiß hervorragend mit radioaktiver Strahlung aus, er war jahrelang beteiligt an radioaktiven Analysen der Vereinigten Nationen. „Gerade Plutonium-241 ist ein Nuklid, das hochstilisiert wird, sich bei einem Super-GAU aber niemals so weit verbreitet wie Cäsium-137.“ Um zu verstehen, was Weiß meint, hilft es, die Abfolge der radioaktiven Verbreitung nach einer Kernschmelze zu verstehen.

          Zwei Drittel der Strahlung landete in Weißrussland: Der Nordwind an den Tagen des Super-GAUs von Tschernobyl sorgte dafür, dass sich ein Großteil der Radionuklide in der Erde von Weißrussland niederlegte. Die Karte zeigt die Verteilung des Cäsiums rund um den Reaktor.

          Die bei einem Super-GAU relevantesten radioaktiven Elemente sind Iod, Cäsium-137, Plutonium-239 und Strontium-90, die alle unterschiedliche Halbwertszeiten und Flüchtigkeiten aufweisen. Weil Jod am leichtflüchtigsten ist, hat es sich nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl am schnellsten auf dem gesamten Globus verteilt. Glücklicherweise hat das Isotop im Vergleich zu den anderen drei aber auch die kürzeste Halbwertszeit, die nach acht Tagen erreicht ist. Danach folgen Cäsium und Strontium, welche sich beide nicht so weit verbreiten wie Jod, dafür aber bis zur Halbwertszeit 30 Jahre benötigen. Am wenigsten weit verbreiten sich das freigesetzte Plutonium und Strontium, da sie von den vier Radioisotopen am schwerflüchtigsten sind. Wie die anderen zwei Isotope haben sie eine hohe Radiotoxizität, was ab einer gewissen Dosis zum Beispiel zu Bauschspeicheldrüsenkrebs führen kann. „Wegen der schwereren Flüchtigkeit gibt es bei Tschernobyl im Umkreis der 30 Kilometer-Zone auch Plutonium-241“, erklärt Pflugbeil.

          Der große Haken beim Plutonium

          Was oft nicht gesagt wird: Wenn Plutonium-241 zerfällt, entsteht das Isotop Americium-241, was für Menschen noch gefährlicher ist als Plutonium-241 – ganz abgesehen von der unvorstellbar langen Halbwertszeit von 432 Jahren. Pflugbeil holt ein russisches Buch hervor. Den „Atlas der Ukraine für radioaktive Strahlung“, herausgegeben 2011. Darin zeigt eine Karte, dass Americium in den vom Reaktorunglück betroffenen Gebieten im Jahr 2056 stärker verbreitet sein wird als das Plutonium-241 direkt nach der Katastrophe. Ein weiterer großer Haken beim Plutonium sind die hohen Messkosten. Cäsium-137 lässt sich viel einfacher messen. „Bei Plutonium braucht man ein gutes radiologisches Labor, wobei eine Messung 1000 Dollar kostet, das kann sich ein Land wie Weißrussland natürlich nicht leisten“, weiß Pflugbeil. So schließt man bei Cäsiummessungen meistens auf das Plutonium-Vorkommen – gemäß Durchschnittswerten – ohne zu wissen, wie viel Plutonium tatsächlich vorhanden ist.

          Heute kann man Tschernobyltouren machen und sich aus einer „sicheren Distanz“ von 300 Metern sogar den Reaktor anschauen, wie das vor wenigen Wochen ein Redakteur der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gemacht hat. Vergangenes Jahr taten es ihm 16.386 Besucher aus 84 Ländern gleich. Die Tourführer deklarieren die Radioaktivität bei ihren Führungen als ungefährlich und argumentieren, dass die Millisievert-Werte nach der Tour grundsätzlich etwa dieselben wie nach einem Langstreckenflug seien. Pflugbeil sieht das anders. „Von solchen Touren rate ich dringend ab. Falls es windet und man den falschen Staub einatmet, kann der Körper eine gefährliche Dosis radioaktiver Strahlung aufnehmen“, sagt der Physiker.

          Wie fahrlässig ist nun die Freigabe von als radioaktiv verseucht befundenen und eigentlich unbewohnbaren Landes durch die Regierung von Weißrussland? Und was ist wichtiger: Der Schutz der Bürger vor möglichen Krebserkrankungen und Mutationen des Erbgutes durch radioaktive Strahlung oder das wirtschaftliche Vorankommen einer miserablen Volkswirtschaft?

          Aus radioaktiver Milch wird gesunder Käse

          Journalist Urs Fitze befasst sich mit diesen Fragestellungen seit Jahrzehnten. Zusammen mit Martin Arnold hat er das Buch „Die strahlende Wahrheit“ geschrieben und eine ausführliche Website zum Thema erstellt. Neben dem Zerfall von Cäsium orientiert sich Belarus an nach der Reaktorkatastrophe selber festgelegten Grenzwerten für Radioaktivität. Diese wurden bei 5 Millisievert pro Jahr angesetzt. Die japanische Regierung griff nach dem Unglück in Fukushima noch rigoroser durch und setzte die Höchstwerte auf 20 Millisievert pro Jahr, was in Deutschland der maximal zulässigen Strahlendosis für beruflich strahlenexponierten Personen entspricht.

          „Zahlreiche Studien zeigen, dass in vielen Gebieten Weißrusslands, wo oft die 50-fache Dosis der Höchstwerte gemessen werden, chronische Krankheiten und das Krebsrisiko erheblich sind“, sagt Fitze. Es sei aber auch ein Fakt, dass die verseuchten Böden rund um Tschernobyl zu den besten Ackerflächen des Landes gehörten. Diese will die Regierung wieder nutzen, doch es harzt. „Gemüseanbau ist da meistens nicht mehr möglich.“ Was übrigbleibe, sei höchstens Mais, weil dieser weniger Radioaktivität aufnimmt. Auch mit Milch- und Fleischprodukten sieht es nicht besser aus. Käse hingegen könne man konsumieren. Doch niemand will ihn kaufen. Dass Käse aus radioaktiver Milch gesundheitlich unbedenklich sein soll, ist nun mal schwierig zu vermitteln.

          Spinnen ohne Netze und dreistämmige Bäume

          In zahlreichen Medienberichten werden die radioaktiven Belastungen als harmloser als bisher gedacht dargestellt. In der aktuellen Ausgabe von „Der Spiegel“ schreibt ein Journalist, dass Radioaktivität „weniger schade als befürchtet“. Gleich danach folgt ein Artikel mit dem humorvollen Titel „Gefährlich grün“, wo von einem Naturidyll in der Postapokalypse die Rede ist. Der Beitrag endet in der Konklusion, dass in der verstrahlten Sperrzone weiter wild Spekulationen und Mythen wuchern würden. Fitze hat die Gebiete in Weißrussland und Tschernobyl besucht und widerspricht den Beschreibungen der „Spiegel“-Journalisten. „Ich habe Spinnen gesehen, die nicht mehr fähig waren, ein Netz zu bauen und Bäume mit drei Stämmen“, erinnert sich der Journalist. „Und die Langzeitbeobachtungen von Forschern zeigen, wie sehr die Natur unter der hohen Strahlung leidet.“ So viel zum Naturidyll in der Postapokalypse.

          Die Menschen in den verstrahlten Gebieten leiden immer noch unter den Folgen. „Es gibt nicht viele zuverlässige Statistiken über die Strahlentoten, aber manche Experten haben berechnet, dass man für Weißrussland jedes Jahr von 1.000 zusätzlichen Krebstoten ausgehen muss“, sagt der Journalist. Von den 800.000 ukrainischen „Liquidatoren“, überwiegend junge Soldaten, die zwischen 1986 und 1987 bei den Aufräumarbeiten am Reaktor eingesetzt wurden, leben heute nur noch die Hälfte. Bei den Helfern der übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken von damals dürfte es ähnlich aussehen. Von den Überlebenden sind die meisten krank.

          Dass das verlassene Gebiet in der Sperrzone auf den ersten Blick wie ein Paradies aussieht, findet auch Fitze. Nur schaut er gerne ein zweites Mal hin. „Das ist auf der einen Seite alles sehr schockierend, auf der anderen Seite habe ich ein gewisses Verständnis für den Pragmatismus weißrussischer Behörden.“ Man könne eben nicht einfach zwei Millionen Menschen, wovon viele arm und ohne Aussicht auf eine sichere Existenz sind, umsiedeln oder sich selbst überlassen. Nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 wurden alleine im Kreis Choiniki im Südosten des Landes, einem der am stärksten betroffenen Gebiete, etwa 70 evakuierte Dörfer mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht, damit gar nicht erst die Möglichkeit zur Rückkehr besteht. Das könnte sich bald ändern. Zwei Drittel des Bezirks sind zwar nach wie vor für jede Besiedlung und landwirtschaftliche Nutzung gesperrt. Auf dem verbleibenden Drittel setzt das Regime aber alles daran, um eine neue Normalität zu schaffen und fördert gezielt den Wiederaufbau mit Industriebetrieben und Kolchosen.

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