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Weißrussland 30 Jahre danach : Die Rückgewinnung der verstrahlten Erde

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„Zahlreiche Studien zeigen, dass in vielen Gebieten Weißrusslands, wo oft die 50-fache Dosis der Höchstwerte gemessen werden, chronische Krankheiten und das Krebsrisiko erheblich sind“, sagt Fitze. Es sei aber auch ein Fakt, dass die verseuchten Böden rund um Tschernobyl zu den besten Ackerflächen des Landes gehörten. Diese will die Regierung wieder nutzen, doch es harzt. „Gemüseanbau ist da meistens nicht mehr möglich.“ Was übrigbleibe, sei höchstens Mais, weil dieser weniger Radioaktivität aufnimmt. Auch mit Milch- und Fleischprodukten sieht es nicht besser aus. Käse hingegen könne man konsumieren. Doch niemand will ihn kaufen. Dass Käse aus radioaktiver Milch gesundheitlich unbedenklich sein soll, ist nun mal schwierig zu vermitteln.

Spinnen ohne Netze und dreistämmige Bäume

In zahlreichen Medienberichten werden die radioaktiven Belastungen als harmloser als bisher gedacht dargestellt. In der aktuellen Ausgabe von „Der Spiegel“ schreibt ein Journalist, dass Radioaktivität „weniger schade als befürchtet“. Gleich danach folgt ein Artikel mit dem humorvollen Titel „Gefährlich grün“, wo von einem Naturidyll in der Postapokalypse die Rede ist. Der Beitrag endet in der Konklusion, dass in der verstrahlten Sperrzone weiter wild Spekulationen und Mythen wuchern würden. Fitze hat die Gebiete in Weißrussland und Tschernobyl besucht und widerspricht den Beschreibungen der „Spiegel“-Journalisten. „Ich habe Spinnen gesehen, die nicht mehr fähig waren, ein Netz zu bauen und Bäume mit drei Stämmen“, erinnert sich der Journalist. „Und die Langzeitbeobachtungen von Forschern zeigen, wie sehr die Natur unter der hohen Strahlung leidet.“ So viel zum Naturidyll in der Postapokalypse.

Die Menschen in den verstrahlten Gebieten leiden immer noch unter den Folgen. „Es gibt nicht viele zuverlässige Statistiken über die Strahlentoten, aber manche Experten haben berechnet, dass man für Weißrussland jedes Jahr von 1.000 zusätzlichen Krebstoten ausgehen muss“, sagt der Journalist. Von den 800.000 ukrainischen „Liquidatoren“, überwiegend junge Soldaten, die zwischen 1986 und 1987 bei den Aufräumarbeiten am Reaktor eingesetzt wurden, leben heute nur noch die Hälfte. Bei den Helfern der übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken von damals dürfte es ähnlich aussehen. Von den Überlebenden sind die meisten krank.

Dass das verlassene Gebiet in der Sperrzone auf den ersten Blick wie ein Paradies aussieht, findet auch Fitze. Nur schaut er gerne ein zweites Mal hin. „Das ist auf der einen Seite alles sehr schockierend, auf der anderen Seite habe ich ein gewisses Verständnis für den Pragmatismus weißrussischer Behörden.“ Man könne eben nicht einfach zwei Millionen Menschen, wovon viele arm und ohne Aussicht auf eine sichere Existenz sind, umsiedeln oder sich selbst überlassen. Nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 wurden alleine im Kreis Choiniki im Südosten des Landes, einem der am stärksten betroffenen Gebiete, etwa 70 evakuierte Dörfer mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht, damit gar nicht erst die Möglichkeit zur Rückkehr besteht. Das könnte sich bald ändern. Zwei Drittel des Bezirks sind zwar nach wie vor für jede Besiedlung und landwirtschaftliche Nutzung gesperrt. Auf dem verbleibenden Drittel setzt das Regime aber alles daran, um eine neue Normalität zu schaffen und fördert gezielt den Wiederaufbau mit Industriebetrieben und Kolchosen.

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