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Weißrussland 30 Jahre danach : Die Rückgewinnung der verstrahlten Erde

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Zwei Drittel der Strahlung landete in Weißrussland: Der Nordwind an den Tagen des Super-GAUs von Tschernobyl sorgte dafür, dass sich ein Großteil der Radionuklide in der Erde von Weißrussland niederlegte. Die Karte zeigt die Verteilung des Cäsiums rund um den Reaktor.

Die bei einem Super-GAU relevantesten radioaktiven Elemente sind Iod, Cäsium-137, Plutonium-239 und Strontium-90, die alle unterschiedliche Halbwertszeiten und Flüchtigkeiten aufweisen. Weil Jod am leichtflüchtigsten ist, hat es sich nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl am schnellsten auf dem gesamten Globus verteilt. Glücklicherweise hat das Isotop im Vergleich zu den anderen drei aber auch die kürzeste Halbwertszeit, die nach acht Tagen erreicht ist. Danach folgen Cäsium und Strontium, welche sich beide nicht so weit verbreiten wie Jod, dafür aber bis zur Halbwertszeit 30 Jahre benötigen. Am wenigsten weit verbreiten sich das freigesetzte Plutonium und Strontium, da sie von den vier Radioisotopen am schwerflüchtigsten sind. Wie die anderen zwei Isotope haben sie eine hohe Radiotoxizität, was ab einer gewissen Dosis zum Beispiel zu Bauschspeicheldrüsenkrebs führen kann. „Wegen der schwereren Flüchtigkeit gibt es bei Tschernobyl im Umkreis der 30 Kilometer-Zone auch Plutonium-241“, erklärt Pflugbeil.

Der große Haken beim Plutonium

Was oft nicht gesagt wird: Wenn Plutonium-241 zerfällt, entsteht das Isotop Americium-241, was für Menschen noch gefährlicher ist als Plutonium-241 – ganz abgesehen von der unvorstellbar langen Halbwertszeit von 432 Jahren. Pflugbeil holt ein russisches Buch hervor. Den „Atlas der Ukraine für radioaktive Strahlung“, herausgegeben 2011. Darin zeigt eine Karte, dass Americium in den vom Reaktorunglück betroffenen Gebieten im Jahr 2056 stärker verbreitet sein wird als das Plutonium-241 direkt nach der Katastrophe. Ein weiterer großer Haken beim Plutonium sind die hohen Messkosten. Cäsium-137 lässt sich viel einfacher messen. „Bei Plutonium braucht man ein gutes radiologisches Labor, wobei eine Messung 1000 Dollar kostet, das kann sich ein Land wie Weißrussland natürlich nicht leisten“, weiß Pflugbeil. So schließt man bei Cäsiummessungen meistens auf das Plutonium-Vorkommen – gemäß Durchschnittswerten – ohne zu wissen, wie viel Plutonium tatsächlich vorhanden ist.

Heute kann man Tschernobyltouren machen und sich aus einer „sicheren Distanz“ von 300 Metern sogar den Reaktor anschauen, wie das vor wenigen Wochen ein Redakteur der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gemacht hat. Vergangenes Jahr taten es ihm 16.386 Besucher aus 84 Ländern gleich. Die Tourführer deklarieren die Radioaktivität bei ihren Führungen als ungefährlich und argumentieren, dass die Millisievert-Werte nach der Tour grundsätzlich etwa dieselben wie nach einem Langstreckenflug seien. Pflugbeil sieht das anders. „Von solchen Touren rate ich dringend ab. Falls es windet und man den falschen Staub einatmet, kann der Körper eine gefährliche Dosis radioaktiver Strahlung aufnehmen“, sagt der Physiker.

Wie fahrlässig ist nun die Freigabe von als radioaktiv verseucht befundenen und eigentlich unbewohnbaren Landes durch die Regierung von Weißrussland? Und was ist wichtiger: Der Schutz der Bürger vor möglichen Krebserkrankungen und Mutationen des Erbgutes durch radioaktive Strahlung oder das wirtschaftliche Vorankommen einer miserablen Volkswirtschaft?

Aus radioaktiver Milch wird gesunder Käse

Journalist Urs Fitze befasst sich mit diesen Fragestellungen seit Jahrzehnten. Zusammen mit Martin Arnold hat er das Buch „Die strahlende Wahrheit“ geschrieben und eine ausführliche Website zum Thema erstellt. Neben dem Zerfall von Cäsium orientiert sich Belarus an nach der Reaktorkatastrophe selber festgelegten Grenzwerten für Radioaktivität. Diese wurden bei 5 Millisievert pro Jahr angesetzt. Die japanische Regierung griff nach dem Unglück in Fukushima noch rigoroser durch und setzte die Höchstwerte auf 20 Millisievert pro Jahr, was in Deutschland der maximal zulässigen Strahlendosis für beruflich strahlenexponierten Personen entspricht.

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