https://www.faz.net/-gpf-7td00

IS-Kampfbrigaden im Irak : Der Terrorstaat

IS-Kämpfer in einem eroberten Regierungsflugzeug nach der Schlacht um den Al-Tabka Flughafen in Syrien: die Bedrohung Europas von morgen Bild: AP

Im „Islamischen Staat“ in Syrien und im Nordirak gelten die Regeln der Scharia. Die Kämpfer agieren barbarisch, junge europäische Muslime lernen dort das Töten. Sie können in Zukunft auch uns gefährlich werden.

          Ein Mann, gekreuzigt und zur Schau gestellt auf einem Platz, Jugendliche fotografieren ihn mit ihren Handys. Ein Junge badet ausgelassen im Euphrat. Der Neunjährige freut sich auf ein Trainingslager. Dort lernt er, mit einer Kalaschnikow zu schießen, um später „Amerikaner“ zu töten. Ein anderer Junge, der vierzehn Jahre alte Daoud, sagt stolz, dass er später viele Ungläubige umbringen wird. Der Patrouillenführer von der Sittenpolizei empfiehlt einem Passanten, er möge seine Frau anweisen, beim Gehen nicht ihr Kleid zu heben – sonst könne man sehen, was sie drunter trägt. Er erkläre den Leuten freundlich, was sie zu tun und zu lassen hätten, sagt der Sittenwächter. „Aber wer nicht hört, der wird gezwungen.“

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es sind Szenen aus Raqqa im Osten Syriens, die der Sender Vice News gefilmt hat. Sie zeigen das Leben in der Hauptstadt eines Staates, der bis vor zwei Monaten nicht existierte. Nun hält er die Welt in Atem. Sein Name ist Programm: „Islamischer Staat“. Kurz IS. Seine Gründung am 29. Juni folgt einer einfachen Idee: Wir warten nicht darauf, dass eines fernen Tages der Staat des wahren Islams entstehen wird. Wir gründen ihn heute und leben nach der Ordnung des Propheten.

          Es ist ein alter Traum, ein historisches Projekt. In diesem Staat gibt es eine Verwaltung, es werden Steuern erhoben, Geld an die Armen verteilt, Scharia-Gerichte tagen, Alkoholhändler werden ausgepeitscht, Dieben die Hand abgehackt und Drogendealer hingerichtet.

          Man huldigt dem Kalifen oder man darf getötet werden

          Dieser Staat hat sich als Kalifat ausgerufen. Der Kalif gilt hier als Stellvertreter des Gesandten Gottes, als politischer und religiöser Führer aller Muslime auf der Welt. Abu Bakr al Bagdadi nennt sich der Mann, nach einem der unmittelbaren Nachfolger des Propheten. Der neue Kalif imitiert das vermeintliche Leben Mohammeds. Nur wenig ist über ihn bekannt, er tritt selten auf. Die Muslime aller Länder hat er aufgerufen, in den neuen Staat zu kommen. Einige Tausend haben es schon getan. Alle Muslime seien verpflichtet, ihm zu huldigen und Treue zu schwören, behauptet er. Wer es nicht tut, gilt als Abtrünniger und darf getötet werden.

          Der „Islamische Staat“ will sich ausbreiten, sein Anspruch ist global. Die Grundlage dafür haben al Bagdadis Anhänger schon drei Wochen vor der Ausrufung des Kalifats geschaffen. Die Kämpfer des „Islamischen Staats“ im Irak und in Großsyrien (Isis), wie sie sich damals noch nannten, drangen weit in den Irak ein. Sie überrannten zahlreiche Städte, kamen bis auf wenige Kilometer an Bagdad heran. Wer sich ihnen entgegenstellte, wurde vernichtet.

          Der Angriff auf den Irak und die Ausrufung des Kalifats waren ein „Befreiungsschlag“ für die islamistische Truppe al Bagdadis, sagt Thomas Rosiny vom Hamburger Institut für Nahost-Studien. Denn zuvor hatte der Isis sich vor allem durch einen grausamen Bruderkrieg einen Namen gemacht, den die Truppe mit anderen Dschihad-Gruppen in Syrien führte.

          15000 Mann versetzen die Welt in Angst und Schrecken

          Im vergangenen Jahr hatte sich al Bagdadi von Al Qaida und deren syrischem Ableger, der Al-Nusra-Front, losgesagt. Heute ist der IS in der Offensive, und Al Qaida hinkt nur noch hinterher. Die Al-Nusra-Front greift zu verzweifelten Mitteln, wie die Entführung von Blauhelm-Soldaten auf den Golanhöhen zeigt, um international wahrgenommen zu werden – denn alle schauen auf den IS.

          Wie können 15000 Mann eine ganze Region, ja die Welt in Aufruhr versetzen? Die Kämpfer des „Islamischen Staates“ preschten in einem dschihadistischen Blitzkrieg vor. Sie kombinierten terroristische Attacken wie Selbstmordanschläge mit konventionellen Angriffen. Mit „Hit and Run“-Operationen stellen sie die Schwächen des Gegners fest, um dann zuzuschlagen. In einer ersten Welle reißen Selbstmordattentäter Lücken in die Verteidigung, dann überrollen die Jeep-Karawanen der Islamisten die Abwehrlinien der Gegner. Und sie erbeuten Waffen aus den Depots der irakischen Armee, die sonst nur reguläre Staaten besitzen. Panzer, Artillerie und Scud-Raketen gehören dazu, selbst Flugplätze haben die IS-Kämpfer im Irak eingenommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.