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100 Jahre Jordanien : Geburtshelfer Churchill

Allgegenwärtig im Jubiläumsjahr: Jordaniens König Abdullah Bild: AFP

Das Königreich Jordanien feiert hundert Jahre Bestehen – mitten in der Krise um den entmachteten Kronprinzen. Seine Geburt verdankt der für den Westen wichtige Wüstenstaat einem weltberühmten Briten.

          3 Min.

          Seit Wochen ist die jordanische Hauptstadt Amman geschmückt mit Plakaten, auf denen das Jubiläum des Königreichs angekündigt wird. Über dem mit den Landesfarben und der Zahl Hundert verzierten Logo prangt die goldene Krone des Königshauses.

          Jochen Stahnke
          (stah.), Politik

          Eigentlich hatte das britische Empire vor hundert Jahren nicht unbedingt vorgehabt, Transjordanien als eigenen Staat zu formen. Aber der Wille der Balfour-Deklaration, „in Palästina“ eine jüdische Heimstatt zu bilden, sowie die militärischen Avancen eines gewissen Abdullah brachten London dazu, das Gebiet vom damaligen Mandatsgebiet Palästina abzutrennen.

          Der in Mekka geborene Abdullah Bin Hussein gehörte zum Haus der Haschemiten, das eine direkte Nachfahrenschaft zum Propheten Mohammed reklamiert und Mekka und Medina über Jahrhunderte regierte. Abdullah war von Medina aus mit arabisch-nationalistischen Getreuen nach Maan im südlichen Transjordanien aufgebrochen.

          „Emirat Transjordanien“

          Sein eigentliches Ziel war es, in Syrien einzumarschieren, die Franzosen zu verjagen und dort seinen Bruder Faisal wieder einzusetzen. Abdullahs Ankunft überraschte die Briten, doch T.E. Lawrence, der Berater für arabische Angelegenheiten, erkannte, dass dieser wertvoll werden könnte: Ideal sei eine nicht zu mächtige Person, die nicht aus Transjordanien stamme und die auf Unterstützung Londons angewiesen sei.

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          Kolonialminister Winston Churchill bot Abdullah im März 1921 also die Herrschaft über das erfundene „Emirat Transjordanien“ an, das zwischen dem Jordanfluss im Westen und der Wüste im Osten lag. Als Bedingung sollte Abdullah die Eroberungspläne in Syrien aufgeben. Sein Bruder Faisal durfte dafür König des Iraks werden. Abdullah willigte ein. So setzte er am 11. April 1921 seine erste Regierung im „Emirat Transjordanien“ ein, aus dem später das „haschemitische Königreich Jordanien“ werden sollte.

          Über Misswirtschaft wird seit Anbeginn berichtet. Noch im selben Jahr brach eine Steuerrevolte gegen die aus der Fremde gekommenen Herrscher aus. Erst als der Emir örtliche Stammeseliten in die Regierung aufgenommen hatte, gewann sein Reich an Ruhe.

          Bis heute bilden die ostjordanischen Stämme das Rückgrat des Herrscherhauses und des königstreuen Militärs. Deshalb waren auch die in der vergangenen Woche offenbarten Ambitionen von Prinz Hamza, dem Halbbruder des heutigen Königs Abdullah II., besonders schwerwiegend. Denn Hamza versuchte die Unzufriedenheit der Stämme auszunutzen. Hamza, dem Abdullah 2004 den Kronprinzentitel aberkannt hatte, warf der Staatsführung offen Korruption und Misswirtschaft vor.

          Schon als Abdullahs I. Urenkel Abdullah II. vor gut zwanzig Jahren an die Macht kam und Privatisierungen auf den Weg brachte, hatten ostjordanische Stammesvertreter ihren Unmut geäußert. Man verwies darauf, dass der uralte Gesellschaftsvertrag zwischen dem haschemitischen Königshaus und den eingesessenen Stämmen nicht mehr angemessen berücksichtigt werde.

          Stammesvertreter haben eigene Interessen

          Üblicherweise ging es dabei weniger um die Stellung des Königshauses selbst, das in Jordanien breite Unterstützung genießt. Sondern um Zugang zu Pfründen und um Arbeitsplätze, generell um eine Verbesserung der Wirtschaftslage in dem von Korruption, Nepotismus, Arbeitslosigkeit, Hunderttausenden Flüchtlingen und Ressourcenarmut geprägten Land, das nun auch noch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen hat, deren Management Hamza ebenfalls kritisierte. Ein demokratischer Wandel wird nicht unbedingt verlangt. Zumal dies bedeuten würde, dass die palästinensischstämmige Bevölkerungsmehrheit ihrer Größe angemessen mehr Macht bekäme, was nicht im Interesse der großen Stammesvertreter ist. Auch deshalb setzen die Stämme sich für die Gründung eines palästinensischen Staats ein. Dieser Haltung folgt auch Hamza, der seinem Vater, König Hussein I., in vielem ähnelt.

          „Hamza ist für manche eine Projektionsfläche für ein anderes, das alte Jordanien“, sagt der Leiter der Adenauer-Stiftung in Amman, Edmund Ratka. In gewisser Weise habe der hybride jordanische Staat durch seine arabisch-nationalistischen Elemente, die Einbeziehung von Stammesstrukturen und postkolonial-britische Elemente über die Jahrzehnte sein Überleben gesichert. Inwiefern dies im sich verändernden Nahen Osten weiter trägt, sei nun die Frage.

          Der Reformdruck in Jordanien wächst, und die königliche Familienfehde scheint tief. Die rote Linie, dass Kritik an der Regierung erlaubt, am König dagegen tabu ist, bröckelt. Schon 2018 gingen neben vielen anderen auch Angehörige der Stämme auf die Straße, um gegen die Einführung einer Einkommensteuer zu demonstrieren, die den Rückgang der Hilfszahlungen und Überweisungen der dort arbeitenden Jordanier insbesondere vom Golf ausgleichen sollte.

          Keine Kritik aus dem Ausland

          Auf die zunehmenden Proteste kann das westlich orientierte Königshaus nur mit Repression reagieren. Die ebenfalls protestierende Gewerkschaft der unterbezahlten Lehrer wurde vergangenes Jahr verboten. Als Aktivisten kürzlich eine Jubiläumsveranstaltung zum sogenannten Arabischen Frühling abhalten wollten, wurden sie festgenommen. Die Pressefreiheit wird immer weiter eingeschränkt.

          Aus dem Ausland kommt keine Kritik. Im Gegenteil versicherten Washington und Europa Abdullah unmittelbar ihre Unterstützung. Man schätzt die Stabilität des strategisch wichtig gelegenen Landes, das Israels Ostflanke sichert und zwischen Syrien, Irak und Saudi-Arabien liegt. Die Amerikaner unternehmen Antiterroroperationen von Jordanien aus, die deutsche Luftwaffe nutzt einen Stützpunkt, und die jordanischen Sicherheitskräfte gehen gegen Dschihadisten vor. Wenn Abdullah es schafft, Ruhe und Stabilität mittelfristig zu bewahren, dann bleibt die westliche Unterstützung bestehen, ähnlich wie seit hundert Jahren.

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