https://www.faz.net/-gpf-9vove

Auschwitz-Gedenken in Israel : Eine Bühne für Putin

Der russische Oligarch Wjatscheslaw Mosche Kantor Bild: AFP

In Jerusalem erinnert das erste „Welt-Holocaust-Forum“ an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ohne politische Verwerfungen läuft das nicht ab – ein russischer Oligarch spielt dabei eine pikante Rolle.

          4 Min.

          In Israel ist die Rede von der größten internationalen Veranstaltung seit der Trauerfeier für den Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin. Wenn am Donnerstag in Jerusalem das „Welt-Holocaust-Forum“ zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor fünfundsiebzig Jahren beginnt, dann kommen mehr als vierzig Staatsoberhäupter in die Gedenkstätte Yad Vashem. Sprechen werden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Präsidenten Russlands und Frankreichs, Wladimir Putin und Emmanuel Macron, Prince Charles, der amerikanische Vizepräsident Mike Pence sowie Reuven Rivlin und Benjamin Netanjahu, Präsident und Ministerpräsident Israels.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Während aus deutscher Sicht der Gedenkcharakter des Forums im Vordergrund steht und Steinmeier in Jerusalem auch keine politischen Termine um seinen Besuch herum wahrnehmen wird, nutzt die israelische Führung die Gelegenheit bereits, um vielerlei Anliegen vorzubringen. Schon am Mittwoch kam Netanjahu mit Macron zusammen, verlangte von ihm stärkeren europäischen Druck auf Iran und besprach weitere regionale Angelegenheiten.

          Ohnehin hat die Gedenkveranstaltung längst schweren politischen Charakter: Denn Polen, auf dessen Boden das deutsche Vernichtungslager lag, nimmt an der Veranstaltung nicht ranghoch teil. Warschau versteht das „Welt-Holocaust-Forum“, das zum ersten Mal in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem stattfindet, als Konkurrenzveranstaltung zum eigentlichen Gedenken in Auschwitz am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar.

          Präsident Andrejz Duda hatte seine Teilnahme in Israel schließlich ganz abgesagt, nachdem ihm die Veranstalter keine Möglichkeit geboten hatten, in Yad Vashem zu sprechen, dem russischen Präsidenten Putin hingegen schon. Hintergrund sind – abgesehen von den ohnehin eiskalten Beziehungen zwischen Warschau und Moskau – die jüngsten Äußerungen Putins, der Polen eine Mitschuld an der Deportation der Juden und am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterstellte. Sollte Putin, der in Yad Vashem als Redner noch vor dem amerikanischen Vizepräsidenten sprechen soll, seine Vorwürfe wiederholen, hätte Präsident Duda keine Gelegenheit gehabt, darauf zu reagieren.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hört der Holocaust-Überlebenden Giselle Cycowicz zu.

          Pikant ist in diesem Zusammenhang die Rolle eines der maßgeblichen Organisatoren des „Welt-Holocaust-Forums“, des russischen Oligarchen Wjatscheslaw Mosche Kantor, dem auch in Yad Vashem eine große Nähe zu Putin nachgesagt wird. In Kantors Umgebung wird das freilich relativiert: Natürlich habe Moshe Kantor Kontakte zu Putin – ohne die könne man in Russland keine Geschäfte machen. Aber darüber hinaus bestünden keine Kontakte zum russischen Präsidenten, nicht in Bezug auf die Veranstaltung am Donnerstag.

          Kantor ist nicht nur Vorsitzender des „Europäischen Jüdischen Kongresses“, der die Veranstaltung gemeinsam mit Yad Vashem organisiert, selbst ein maßgeblicher Spender der Jerusalemer Gedenkstätte und Vorsitzender des Holocaust-Forums. Kantor soll auch einen wesentlichen Teil der Veranstaltungskosten übernehmen.

          Putin, der von Polen seit Jahren schon nicht nach Auschwitz eingeladen wird, hat nunmehr eine andere Bühne gefunden. „Seit Jahren hat der Organisator dieses Forums (Kantor) versucht, es als alternative Gedenkveranstaltung (…) aufzubauen“, sagte Piotr Cywinski, Direktor des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, am Mittwoch der „Times of Israel“. „Es ist einfach so provokant, dass ich kaum Worte dafür finde.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer hätte es ihnen zugetraut? Peter Tschentscher lässt sich von SPD-Landeschefin Melanie Leonhard (links) und seiner Frau beklatschen.

          Hamburg hat gewählt : Tschentschers Plan ist aufgegangen

          Hamburg beschert der SPD fast vergessene Glücksgefühle. Der Erste Bürgermeister bleibt im Amt. Er könnte sich sogar den Partner aussuchen. Würde er lieber mit dem Verlierer CDU regieren als mit kraftstrotzenden Grünen?

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland zu regieren. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.