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Auschwitz-Befreiung : Was ist mit uns passiert?

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Hinter dem Stahl lag der Tod: Diese Tür diente im Zweiten Weltkrieg als Zugang zur Aschegrube des Krematoriums von Auschwitz. Bild: AFP

Vor 73 Jahren wurden die letzten Häftlinge aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit. Doch die ganze Welt verhält sich so, als hätte sie nicht viel gelernt aus der Katastrophe der Shoah. Ein Gastbeitrag.

          Vor 73 Jahren befreite die Rote Armee die letzten 7000 Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz. Kurz vor ihrer Flucht sprengten die Deutschen die letzten in Betrieb befindlichen Gaskammern und Krematorien. Es gelang ihnen, mehr als 100.000 Häftlinge ins Hinterland ihres Reiches zu bringen, um sie weiterhin als Zwangsarbeiter auszubeuten. Die Überlebenden mussten ihr Leben lang die Blicke ihrer umgekommenen Leidensgenossen ertragen.

          Viele Überlebende sind heute nicht mehr unter uns: Primo Levi, Elie Wiesel, Władysław Bartoszewski, Israel Gutman, Simone Veil, Imre Kertész und viele, viele andere. Wir, die Nachkriegsgenerationen, werden immer einsamer mit der Last der Erfahrung jener Menschen. Und es lässt sich nicht leugnen, dass uns diese Last nach wie vor zu schaffen macht. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die Fakten an sich. Schlimmer noch: Die ganze Welt verhält sich zunehmend so, als hätte sie nicht viel gelernt aus der Katastrophe der Shoah und der Konzentrationslager.

          Dabei hatte unsere ganze Welt nach dem Krieg doch so anders aussehen sollen. Auf globaler Ebene versuchte man, Institutionen des Dialogs und der Zusammenarbeit zu gründen, etwa mit den Vereinten Nationen. Auf ungleich tiefergreifende Weise begann in Westeuropa jener Prozess der Annäherung der Staaten, Völker und Gesellschaften, der zu dem geführt hat, was uns heute als Europäische Union vertraut ist – ein Geschöpf des freien Marktes, das anstelle der vergangenen, auf einem illusorischen Gleichgewicht der Kräfte beruhendem Modell der Koexistenz, die Zusammenarbeit und die wachsende gegenseitige Abhängigkeit der Mitgliedstaaten als Grundlage hat. Für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die begangen worden waren, wurden neue rechtliche Begriffe gefunden; die UN definierten das Verbrechen des Völkermords. Man erkannte die Rolle von Nichtregierungsorganisationen, die in der Nachkriegszeit zunehmend den Einfluss der Zivilgesellschaft auf die Staatsmacht förderten. Sie waren Ausdruck einer neuen Mündigkeit der Bürger, die sich nicht mehr paramilitärisch organisierten, wie es vor dem Krieg in den verschiedenen Burschenschaften, Verbänden und Verbindungen nur allzu oft der Fall gewesen war. In den Kirchen und Religionsgemeinschaften wehte der neue Wind der Ökumene. Nach dem Krieg schien es, dass die Welt neu erfunden werden müsse, war doch dieser Krieg anders gewesen als alles, was je zuvor geschehen war, da er der Zivilbevölkerung Leiden in einer völlig neuen Dimension bescherte hatte. Auschwitz steht dafür als schreckliches Wahrzeichen.

          Schon früher mangelte es an Mut, echte Gerechtigkeit zu schaffen. Von den 70.000 SS-Leuten, die als Aufseher in den Konzentrations- und Vernichtungslagern „dienten“, wurden nach dem Krieg nur 1650 verurteilt, zumeist zu erschütternd niedrigen Strafen, die oft genug auf Bewährung ausgesetzt wurden. Es nimmt nicht wunder, dass viele ihrer Genossen sich später straflos fühlten.

          Heute sehen wir, wie sehr die Anstrengungen der Vergangenheitsbewältigung, so richtig und nötig sie auch gewesen sein mögen, die Probe der Zeit nicht bestanden haben. Wir sind nicht in der Lage, wirksam auf die Neuauflagen des Völker mordenden Wahnsinns zu reagieren. Humanitäre Katastrophen, Hunger und Tod, hervorgerufen etwa von den unendlichen Auseinandersetzungen verschiedener Milizen in Zentralafrika, gehören nicht zu den Prioritäten unserer Regierungen. Waffenhandel und die Ausbeutung nahezu kostenloser Arbeitskräfte treiben die ärmsten Weltgegenden in den Untergang. Die Vereinten Nationen geben keinerlei Hoffnung mehr. Die Europäische Union krankt an ihrer inneren Gleichgültigkeit. Unsere Demokratien leiden an zunehmendem Populismus, nationalem Egoismus, neuen Formen der extremen Hassrede. Die Remilitarisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen schändet unsere Straßen und Plätze. Haben wir uns innerhalb zweier, dreier Generationen so verändert?

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