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Auschwitz-Baupläne : Unter Freunden

Womöglich gehören die großzügig verschenkten Skizzen nicht dem „Springer” Verlag, sondern der Bundesrepublik Bild: REUTERS

Der Springer-Verlag machte Israels Ministerpräsident Netanjahu ein historisches Geschenk: 29 Baupläne und -skizzen des Konzentrationslagers Auschwitz. Einziges Problem: Die Dokumente gehören vielleicht gar nicht dem Verlag, sondern der Bundesrepublik.

          Im Verlagsgebäude des Springer-Konzerns kam es am Donnerstag zu einem „bewegenden, einem historischen Moment“, wie die „Bild“-Zeitung am Freitag berichtete. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war erschienen, um ein Präsent entgegenzunehmen. Netanjahu dankte der Zeitung für ein „Geschenk der Wahrheit“. Es handelte sich um 29 Baupläne und -skizzen des Konzentrationslagers Auschwitz, die der Springer-Verlag „2008 entdeckt und erworben hatte“, wie die Zeitung am Freitag berichtete. Doch ist das nur ein Teil der Wahrheit dieses Geschenks. Im Bundesarchiv ist man der Meinung, dass die verschenkten Dokumente, die künftig in Yad Vashem lagern werden, fremdes Eigentum waren. Der Eigentümer: die Bundesrepublik Deutschland.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Nach Angaben des Springer-Konzerns wurden die Dokumente dem Verlag im Spätsommer 2008 angeboten. Sie seien in einer geräumten Berliner Wohnung gefunden worden. Weiteres teilte der Verlag nicht mit. Fachleute, die mit dem Vorgang zu tun hatten, berichten, der Springer-Konzern habe Bundesstellen mitgeteilt, ein Makler sei an ihn mit den Dokumenten herangetreten. Man habe sie begutachtet und sich für den Kauf entschieden.

          Der Makler wiederum soll die Pläne von den Erben eines der Architekten von Auschwitz erhalten haben, die dieser in Berlin aufbewahrt haben soll. Der Architekt müsse für die Zentrale Bauleitung der Waffen-SS tätig gewesen sein, die die Bauarbeiten in Auschwitz-Birkenau verantwortete. Eigentümer der Zeichnungen, die von Häftlingen angefertigt worden waren, die womöglich im Stammlager Auschwitz I einsaßen und am Bau des drei Kilometer entfernten Vernichtungslagers Birkenau (Auschwitz II) mitwirken mussten, war also das Deutsche Reich.

          Bei der Übergabe: Israels Premierminister Netanjahu, „Bild”-Chefredaktuer Diekmann und der Vorsitzende der Gedenkstätte Yad Vashem sehen sich die Baupläne an

          Archiviert im DDR-Ministerium für Staatssicherheit?

          Der Springer-Verlag wusste offenbar um die Brisanz der Dokumente und berichtete erst im November 2008 in der „Bild“-Zeitung darüber. In der Zwischenzeit wandte man sich an das Bundesarchiv. Die Historiker, die die Dokumente unter der Leitung von Hans-Dieter Kreikamp, dem Abteilungsleiter Deutsches Reich des Bundesarchivs in Berlin, untersuchten, stellten deutliche Hinweise fest, dass das Konvolut schon einmal archiviert gewesen sein muss.

          Sie hielten es für äußerst wahrscheinlich, dass das Konvolut in Wahrheit aus dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit stammt – und zwar aus der Abteilung 9.11, wo Informationen aus der Zeit des Nationalsozialismus gesammelt wurden, um sie politisch gegen den Klassenfeind zu verwerten.

          In Berlin heißt es, es habe eine Verabredung zwischen dem Bundesarchiv und dem Springer-Verlag gegeben: Das Bundesarchiv werde ein Gutachten erstellen, die „Bild“-Zeitung werde nach Veröffentlichung der für echt gehaltenen Dokumente diese dem Bundesarchiv übergeben. So hätte die Zeitung exklusiv über den Fund berichten können, und das in Koblenz ansässige Archiv, das selbst keinen Etat für derartige Käufe hat, hätte die Baupläne erhalten. Das Bundesarchiv erfüllte seinen Teil der Verabredung. Der Springer-Verlag hat die Pläne und Skizzen zunächst vom Februar 2009 an in den Verlagsräumen (und zum Teil im Deutschen Historischen Museum) ausgestellt, sich dann aber entschlossen, diese dem Staat Israel zu schenken.

          „Vereinbarung mit dem Bundesarchiv hat es nicht gegeben“

          Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, sagte dieser Zeitung am Freitag: „Eine solche Vereinbarung mit dem Bundesarchiv hat es nicht gegeben. Meine Präferenz war immer Yad Vashem.“ Das Bundesarchiv habe aber Kopien machen können. Ralf Georg Reuth, einer der Haus-Historiker des Springer-Verlages, sagte dieser Zeitung, in der Kochstraße sei eine Übergabe an das Bundesarchiv erwogen worden. Letztlich sei aber Yad Vashem aufgrund der freundschaftlichen Beziehungen des Verlags zum Staat Israel der Zuschlag gegeben worden. „Wir wollten auf jeden Fall eine sinnvolle wissenschaftliche Verwendung sicherstellen.“

          Der Sprecher von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), dem die Aufsicht des Bundesarchivs obliegt, teilte dieser Zeitung mit, „die Provenienz der Dokumente ist strittig“. Deshalb habe es keine Handhabe gegeben. In Berlin hieß es, auch „das Bundeskanzleramt selbst“ sei über den Vorgang informiert worden. Einwände gegen die Schenkung durch den Springer-Verlag gab es offenbar nicht. „Ich glaube, das war eine sehr bewegende Übergabe. Ich bin auch selber sehr berührt davon und denke, dass das ein wichtiges Ereignis . . . war“, sagte die Kanzlerin auf einer Pressekonferenz mit Netanjahu.

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