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Kommunistische Staaten : Das Geheimnis der Macht

Zugleich ist die Herrschaft der Kommunistischen Partei noch einmal stärker ideologisiert worden. Das Endziel steht weiter im Parteiprogramm, aber es wird zunehmend mit traditionellen Gemeinschaftsvorstellungen verschmolzen. Und die Partei, die das Land mit ein paar hundert untereinander verbundenen roten Telefonen regiert, steht mehr denn je über dem Staat und sogar über der Verfassung. Ihr oberster Führer, Xi Jinping, in Videoclips als „Papa Xi“ besungen, steht dem Land wie der Vater einer großen Familie vor, so wie der Kaiser im konfuzianischen Idealbild der „großen Gemeinschaft“. Aber solche weltanschaulichen Mixturen waren Koenen zufolge schon immer typisch für die Kommunismen des 20. Jahrhunderts; sie gediehen hinter der Fassade eines „wissenschaftlichen“ Ideologiekanons.

In seinem Ursprungsland Russland hat das kommunistische System nicht überlebt. Es gibt kein Politbüro mehr, kein Zentralkomitee. Und die Versuche, eine landesweit funktionierende Kreml-Partei zu schaffen, misslangen mehr oder weniger. Doch ist auch in Russland vom Kommunismus mehr übrig, als es auf den ersten Blick scheint. So hat es nach dem Ende der Sowjetunion keinen echten Elitenwandel gegeben. Aus den Führern der Kommunistischen Partei wurden in den Sowjetrepubliken die autoritären Präsidenten in den nun unabhängigen Staaten von Turkmenistan bis Aserbaidschan. Die Landesfürsten, die letztlich die Auflösung der Sowjetunion beschlossen, hängten sich ein nationales Mäntelchen um und herrschten unter neuer Flagge munter weiter.

Aufstieg der Oligarchen

In Russland mutierten rote Fabrikdirektoren, örtliche Parteiführer und Komsomolzen zu den Oligarchen des Landes – sie hatten allerdings schon in der alten Sowjetunion alle möglichen Formen einer faktischen Privatwirtschaft betrieben. An der Spitze des Landes stehen heute Leute aus den ehemals sowjetischen Geheimdiensten und aus dem Militär. Die Kommunisten haben jedenfalls verhindert, dass sich eine Gegenelite herausbildete. Als der Kommunismus zerbrach, stand keine Kraft bereit, die Geschicke des Landes zu übernehmen. Boris Jelzin, Parteichef erst von Swerdlowsk, dann von Moskau, hisste die russische Fahne über dem Kreml und schickte Michail Gorbatschow aufs Altenteil. Dann wurde eine gelenkte Demokratie mit formalen Wahlen eingeführt, das unverändert hoch monopolistische, von der Zentralmacht kontrollierte Wirtschaftssystem wurde vollkommen auf den Weltmarkt und Exporterlöse ausgerichtet.

Aufstieg der Oligarchen: Wladimir Potanin wurde durch seine kontroversen Geschäfte zu einem der reichsten Menschen Russlands.

Geblieben aber ist, was Koenen als das Erfolgsgeheimnis des Kommunismus sieht: die Machtvertikale. Was die kommunistischen Systeme im Innern zusammenhielt, war eine Macht- und Sozialtechnologie: Eine Partei, die sich in Form einer Nomenklatura überwiegend schon aus sich selbst rekrutierte, erhob den Anspruch nicht nur auf die politische Macht, sondern auf die Kontrolle und Steuerung der ganzen Gesellschaft. Der Erhalt der Machtvertikale erlaubte es auch, das Wirtschaftssystem umzupolen und sogar einen neuen, was Russland betrifft, durch und durch reaktionären Ideologie-Mix anzurühren.

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