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Kommunistische Staaten : Das Geheimnis der Macht

Die meisten Kriege der kommunistischen Staaten, auch jene, die sie gegeneinander führten, lassen sich realpolitisch erklären. Weit schwieriger ist es mit dem Krieg, mit dem sie die eigene Bevölkerung attackierten. Der Terror in der Sowjetunion, China, Vietnam, Kambodscha und anderen kommunistischen Ländern vernichtete wohl hundert Millionen Menschenleben, radierte ganze Schichten und Klassen aus. Massenhinrichtungen, erzwungene Hungersnöte und hunderttausendfacher Tod in Lagersystemen führten zu einer tiefgreifenden Selbstzerstörung der Gesellschaften. Die sowjetischen Kommunisten zerstörten die alten Eliten des Landes, Fachleute, Wissenschaftler, Ingenieure. Das geschah allerdings unter Beteiligung von Hunderttausenden und Millionen Aufsteigern, die in das Vakuum strömten. Die Kommunisten vernichteten auch die Kulaken – die Klasse der selbst wirtschaftenden Bauern.

Pfad der Machtlogik

Das alles folgte immerhin noch einer gewissen Machtlogik. Noch schwerer zu begreifen ist daher die Selbstkannibalisierung der Kommunisten, wie sie von Stalin, aber auch von Mao und ihren Vasallen befohlen wurde. Manche versuchten sie damit zu erklären, dass etwa Stalin den alten Bolschewiken misstraute und sie durch jüngere Gefolgsleute ersetzen wollte. Doch: „Auch von den Jungen, die nachrückten, wurde wieder die Hälfte vernichtet“, sagt Koenen. Er sieht den Terror als Indiz dafür, dass die Zentralmacht sich trotz ihrer nominellen Machtvollkommenheit immer auf schwankendem Boden sah. Im Wahn, alles kontrollieren zu können, mussten die kommunistischen Führer scheitern. „Stalin wollte alles im Griff haben, selbst Dinge, die gar nicht zu bewältigen waren.“ Weil das nicht gelang, mussten Saboteure und Verräter am Werk sein. Diese „Realparanoia“ wurde sogar umso stärker, je näher man dem Zentrum der Macht kam. Doch etwas Unerklärliches bleibt, der Vergleich mit anderen totalitären Herrschaftsformen hilft nicht. Bei den Nationalsozialisten gibt es nichts Ähnliches. Erst der Tod Stalins beendete den Massenterror in der Sowjetunion.

Heldenverehrung: Vorsitzender der Kommunistischen Partei China Mao Zedong

Ist der Kommunismus mit der Wende von 1989 verschwunden? In China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, regieren die Kommunisten nach wie vor. Als die Modernisierungsdiktatur Deng Xiaopings in den achtziger Jahren eine Demokratiebewegung freisetzte, schlug Peking sie im Juni 1989 brutal nieder – durchaus mit Blick auf den Machtverlust der Kommunisten in der Sowjetunion. Und trotzdem öffnete Deng nach dem Schlag gegen die Demokratiebewegung das Land wirtschaftlich. Seitdem hat China eine ökonomische und soziale Dynamik entwickelt, die ihresgleichen sucht.

Pluralismus, Rechtsstaat und Demokratie

Aber die Annahme, dass ein bestimmtes Entwicklungsniveau auch politischen Pluralismus, Rechtsstaat und Demokratie mit sich bringen müsse, hat China widerlegt. Es zeigt vielmehr, dass eine weitgehend kapitalistische Wirtschaftsweise und eine kommunistische Parteidiktatur offenbar zusammengehen können. Mit dem Machtantritt von Xi Jinping sind alte Repressionsrituale zurückgekehrt, sogar in beklemmend modernen Formen: Verfolgungen von Bürgerrechtlern oder Rechtsanwälten überlagern sich mit Parteisäuberungen, mit Verhören, dem Verschwinden in Geheimgefängnissen und lebenslangen Haftstrafen. Das geschieht auch unter dem Motto des Kampfes gegen die Korruption oder gegen „schädliche westliche Einflüsse“.

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