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CDU : Hauptsache online

Ein Leben ohne Apps ist ein ärmeres Leben. Findet Peter Tauber auch Bild: dpa

Wie erneuert man die CDU? Peter Tauber weiß es: mit ganz viel Internet. Der Generalsekretär stellt sich Großes vor.

          3 Min.

          Peter Tauber, der Generalsekretär der CDU, ist am vergangenen Sonntag 25 Kilometer gejoggt, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,58 km/h. Das teilte er – wie immer, wenn er joggen war – auf Twitter mit. Jedes Mal ordnet er seinen neuesten Lauf für den Leser mit einem Wort ein: „Supergeil“, „Puh...“ oder „Fit!“

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Tauber benutzt für diese Tweets eine App des Turnschuhherstellers Nike, dessen Firmenname in jeder dieser Mitteilungen prominent auftaucht. Viele Twitternutzer nervt das. Oft wird Tauber darauf angesprochen, ob er von Nike bezahlt werde – werde er nicht, sagt Tauber dann. Wenn man ihn fragt, warum er nicht einfach so twittere, wie viel er gelaufen ist, dann seufzt er – so, als könne er nicht glauben, dass andere immer noch nicht verstanden haben, wie unvollständig ein Leben ohne Apps ist. Er brauche diese App, sagt er, weil er sich sonst nicht zum Laufen aufraffen könne und weil er außerdem einen digitalen Wettlauf mit Freunden austrage, die auch diese App benutzten.

          Natürlich ist das eine Ausrede: Tauber und seine Freunde könnten ihren Wettstreit prima in einer geschlossenen Gruppe (das bietet die App extra an) statt auf der großen Bühne austragen. Aber das kann Tauber nicht wollen: Im-Internet-Sein – und zwar möglichst sichtbar für alle – ist sein Kapital. Auf Twitter hat er 12.000 Follower. Ihretwegen und weil er einen Blog betreibt, gilt er in der CDU als geschickt im Umgang mit dem Internet. Vor allem deshalb ist er nach der Bundestagswahl zum Generalsekretär geworden. Und als Generalsekretär soll er die Partei, die wie die SPD stark schrumpft (im Monat verliert sie trotz 1000 Neueintritten 500 bis 1000 Mitglieder), nun vor der Überalterung retten.

          On air everywhere: Peter Tauber

          Also stellte Tauber am Montag erste Ideen für eine Reform vor, die der CDU mehr junge Leute, Frauen und Menschen mit ausländischem Hintergrund zuführen soll. Einerseits durch inhaltliche Arbeit: Drei Gruppen sollen sich Gedanken über Themen machen, die als wichtig erkannt wurden, aber in der großen Koalition von der SPD besetzt sind – Arbeit, Soziales, Umwelt, Familie. Geführt werden die Gruppen von den stellvertretenden Parteivorsitzenden Julia Klöckner (Ihr Thema: „Nachhaltig leben, Lebensqualität bewahren“); Armin Laschet („Zusammenhalt stärken – lebendige Bürgergesellschaft“) und Thomas Strobl („Arbeit der Zukunft – Zukunft der Arbeit“). Die Kommissionen wurden schon im Februar eingerichtet, seither ist wenig passiert. Mancher der Vorsitzenden weiß selbst noch nicht, was er genau machen soll. Die Themen sind allumfassend, Experten sollen helfen, sie einzugrenzen. Ergebnisse werden für Ende 2015 erwartet.

          Der zweite Teil der Reform, der technische, liegt in Taubers Hand. Er stellt sich Großes vor. Alles könnte lockerer, leichter, unverbindlicher werden. Das Delegiertenprinzip? Ließe sich abschaffen. Dann könnte jedes Mitglied auf Parteitage fahren – und dort Anträge stellen. Bisher haben nur Landes-, Bezirks, Kreisverbände oder andere Vereinigungen ein Antragsrecht. Aber ist das wirklich, worauf all die Frauen und jungen Migranten gewartet haben – ein Antragsrecht auf dem CDU-Parteitag? Tauber sagt: „Ich denke, es reicht vielen schon, wenn wir ihnen sagen: Wir hören euch zu, ihr könnt mitmachen, und zwar schnell und einfach, nicht erst nach einer Ochsentour.“

          Ähnlichkeit mit den Piraten

          Ganz ähnlich haben auch die Piraten gedacht und geredet. Ohnehin scheint sich Tauber stark an ihnen zu orientieren. Die Grundidee für seine Reform ist schließlich, dass alle künftig ständig irgendetwas online machen können. Zum Beispiel Leute, die zu beschäftigt sind, um in Ortsvereine zu gehen (Tauber nennt Handwerker, Chefärzte oder berufstätige Mütter). Sie können sich seit April, sofern sie CDU-Mitglieder sind, an der „digitalen Fachkommission“ beteiligen, einem Live-Videochat, den Tauber als „vollen Erfolg“ bezeichnet. „CDU TV“ hat Videos von den bisherigen drei Veranstaltungen gemacht.

          Anfang April ging es um die Pflege: Da saß der gesundheitspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Jens Spahn, neben zwei anderen, die sich auch mit dem Thema beschäftigen, vor ihnen ein Laptop, auf dem CDU-Mitglieder erschienen und ihre Meinung sagten. Etwas mehr als 100 der 467.000 Mitglieder hatten sich angemeldet; Ergebnisse sind nicht bekannt. Die Piraten nutzen ein ähnliches Format seit Jahren, ein Delegiertenprinzip hatten sie noch nie, und wer will, kann im Internet an Anträgen mitschreiben. Es wollen aber immer zu wenige, und das selbst in der Partei, die tatsächlich der Szene entstammt, der Tauber sich mühsam anzunähern versucht.

          Als Nächstes will er, in der „Zuhörphase“, in die „Fläche gehen“, in Kreis- und Ortsverbände. Um zu erfahren, wie man an neue Mitglieder gelangt, fragt Tauber also die, die sowieso schon da sind, drei Viertel Männer, ein Viertel Frauen, Durchschnittsalter 59. Tauber sieht aber selbst darin das Neue: Es werde, sagt er, auch in dieser Phase Möglichkeiten geben, sich online einzubringen.

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