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Erklärung des Anwalts : „Etliche“ weitere Zellen im Ausland

  • Aktualisiert am

Geir Lippestad, der Anwalt von Anders Breivik Bild: REUTERS

Der Attentäter von Oslo und Utøya, Anders Behring Breivik, hat nach Aussage seines Anwalts angegeben, Kontakt zu mehreren Zellen im westlichen Ausland gehabt zu haben. Der Anwalt sagte, er halte seinen Mandanten für geisteskrank. Er zeige „kein Zeichen von Mitleid“ mit den Opfern.

          Der Attentäter von Oslo und Utøya hat nach Angaben seines Verteidigers behauptet, im Kontakt zu Gleichgesinnten im Ausland gestanden zu haben. Neben zwei „Zellen“ in Norwegen gebe es weitere im Ausland, gab der Anwalt Geir Lippestad am Dienstag in Oslo die Aussage seines Mandanten Anders Behring Breivik wieder. „Er weigert sich, etwas über diese anderen Zellen zu sagen.“

          Für Aussagen über angebliche Mittäter stellte Breivik Forderungen an die Polizei. „Es waren verschiedene Forderungen. Einige dieser Forderungen konnten wir ganz unmöglich erfüllen“, sagte der Sprecher
          der Osloer Kriminalpolizei, Pål Hjort Kraby, am Dienstagabend in der Online-Ausgabe der Zeitung „Verdens Gang“.

          Die Staatsanwaltschaft prüft unterdessen, den Zweiunddreißigjährigen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen, um eine längere Haftstrafe verhängen zu können.

          Breivik hatte den Doppelanschlag vom Freitag mit mindestens 76 Toten am Montag vor Gericht zugegeben, sich aber für unschuldig erklärt. Lippestad sagte, alles deute darauf hin, dass sein Mandant „geisteskrank“ sei. Diese Linie werde er vor Gericht verfolgen; sollte Breivik dem nicht folgen, „muss er sich einen anderen Anwalt suchen“. Psychiater sollten nun Breiviks Geisteszustand untersuchen; sollte ihn das Gericht für unzurechnungsfähig erklären, wäre die dauerhafte Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung wahrscheinlich. Die Untersuchung werde, so der Anwalt, bis zu zwölf Monate dauern.

          Breiviks „Bild von der Realität“ sei „sehr schwierig zu erklären“, sagte Lippestad. Sein Mandant glaube, am Anfang eines „Krieges“ zu stehen, der 60 Jahre dauern werde. „Und er glaubt, wenn man in einem Krieg ist, kann man Dinge wie diese machen, ohne sich schuldig zu bekennen.“ Breivik nahm demnach an, selbst am Freitag getötet zu werden. Er sei „überrascht“ gewesen, dass er nach dem Bombenanschlag in Oslo, bei dem mindestens acht Personen getötet wurden, noch die mehr als 20 Kilometer nördlich gelegene Insel Utøya erreicht habe.

          Oslo erwägt Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit

          Vor den Anschlägen habe Breivik Drogen genommen, um sich zu „stärken“, sagte Lippestad. Die Staatsanwaltschaft erwägt nach einem Bericht der Zeitung „Aftenposten“, Breivik wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen, worauf maximal 30 Jahre Haft stehen. Die Höchststrafe nach dem Terror-Paragraphen im Strafgesetzbuch ist 21 Jahre, danach kommt indes bei andauernder Gefährlichkeit des Täters eine weitere „Verwahrung“ in Betracht.

          Breivik hatte als Motiv für die Tötung von mindestens 68 Jugendlichen eines Sommerlagers der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf Utøya geäußert, dass er diese so hart wie möglich treffen wollte. Auf die Frage, ob sein Mandant Mitleid mit den Opfern habe, sagte Lippestad am Montag: „Nein.“ Breivik hasse alle, die an Demokratie glaubten, halte die Taten für notwendig, um „eine Revolution“ zu beginnen. Die Polizei geht nach eigenen Angaben allen Hinweisen auf mögliche Komplizen Breiviks nach. Von zwei weiteren gewaltbereiten Zellen in Norwegen hatte Breivik schon bei seiner Anhörung vor einem Osloer Gericht am Montag gesprochen.

          Die norwegische Polizei begann am Dienstag damit, die Namen von Opfern der Terroranschläge vom Freitag zu veröffentlichen. Sie will Namen aller mindestens 76 Toten nach und nach bekanntgeben, sobald sie identifiziert und die Angehörigen unterrichtet sind.

          „Nicht einmal die Stasi hätte Breivik unter die Lupe genommen“

          Norwegens Justizminister Knut Storberget stellte am Dienstag zwar eine Verschärfung der Maßnahmen gegen potentielle rechtsextreme Gewalttäter in Aussicht, hob zugleich aber Erfolge im Kampf gegen einheimische Neonazigruppen hervor. Auch nahm Storberget die Polizei gegen Kritik in Schutz: Die Polizei in Oslo und anderen Bezirken habe ihre Aufgabe „in dieser Situation sehr gut erfüllt“ und „phantastische Arbeit“ geleistet. Bei dem Massaker auf Utøya hatten Polizisten etwa eine Stunde gebraucht, um den Angreifer Breivik festzunehmen, nachdem die örtliche Dienststelle die Zentrale in Oslo verständigt hatte.

          Schon am Montag hatte die Chefin des Sicherheitsdienstes PST, Janne Kristiansen, den Umgang mit möglichen Hinweisen auf Breiviks Attentatspläne verteidigt. Weder der Kauf von sechs Tonnen Kunstdünger noch der Erwerb von großkalibrigen Schusswaffen, noch die Präsenz in nationalistisch gefärbten Internetforen seien für sich genommen illegal gewesen, sagte sie. „Von unserem jetzigen Kenntnisstand ausgehend, glaube ich, dass nicht einmal die Stasi im ostdeutschen Überwachungsstaat diese Person unter die Lupe genommen hätte.“

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