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Breivik-Prozess : Der Wahnsinn des Bösen

Will verurteilt werden: Breivik am Mittwoch im Gericht Bild: AFP

Am Donnerstag und Freitag werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Schlussplädoyers im Prozess gegen Anders Behring Breivik halten. Dabei geht es auch um die Schuldfähigkeit des Massenmörders.

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          Der Prozess gegen den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik geht dem Ende zu. An diesem Donnerstag, ab zwölf Uhr mittags, wird die Staatsanwaltschaft plädieren. Am Freitag, ab neun Uhr morgens, wird die Verteidigung des Massenmörders das Wort haben. Während die Verteidigung längst deutlich gemacht hat, dass sie den Mann, der am 22. Juli vorigen Jahres in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordet hat, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wissen will, ist noch unklar, was die Staatsanwälte Inga Bejer Engh und Svein Holden fordern werden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ist Breivik ihrer Ansicht nach schuldunfähig, wie ein erstes Gutachterteam befand, gehört er also in eine psychiatrische Anstalt? Das hatten die Staatsanwälte in ihrer Anklageschrift vertreten. Oder halten sie ihn doch für schuldfähig, wie ein zweites Gutachterteam meinte, gehört er also ins Gefängnis? Staatsanwalt Holden sagte dazu am Mittwoch nur: „Es ist eine Entscheidung getroffen worden.“

          Breivik selbst hat in den zehn Wochen des Prozesses immer wieder deutlich gemacht, dass er in Haft will. Er sieht sich als politischer Aktivist und „Tempelritter“, der Norwegen vor einer „Überfremdung“ durch Muslime schützen wollte. Die Diagnose Wahnsinn würde dazu schlecht passen. Sollte ihn das Gericht als schuldunfähig einstufen, würde er in Berufung gehen, hat Breivik angekündigt.

          Auch am Mittwoch, dem letzten Verhandlungstag vor den abschließenden Plädoyers, nutzte der Angeklagte eine Gelegenheit, um seine Gesinnung zu offenbaren. Nachdem in den vergangenen Tagen die Gutachterteams ihre jeweilige Sicht dargelegt hatten, sprachen nun, ganz zum Schluss der Beweisaufnahme, zwei Fachmänner für traumatische Störungen. Es ging um die Folgen der Anschläge in zehn, zwanzig, in noch mehr Jahren. Sie zitierten ausführlich aus Langzeitstudien mit Opfern eines Bus- und eines Bohrinselunglücks sowie eines Bombenangriffs auf die Stadt Bergen im Jahr 1944. Noch sechzig Jahre danach seien posttraumatische Belastungsstörungen bei Menschen feststellbar gewesen, die damals Kinder waren.

          Urteil in frühestens vier Wochen

          Die Sachverständigen sprachen von Panikattacken, Schweißausbrüchen, Depression und Stressfaktoren, die die Überlebenden immer wieder in Todesangst versetzten. Von den Schuldgefühlen der Überlebenden - und von Rachegedanken. „Ein Prozess wie dieser hier ist auch eine Art, Zorn und Rache auszudrücken“, sagte einer der Sachverständigen, „aber eine sehr zivilisierte Art.“ Denn die Bestrafung werde der Gesellschaft überlassen, der „persönliche Aspekt reduziert“.

          Eine Vertreterin der Nebenkläger - Überlebender und Hinterbliebener der Anschläge - fragte, was ein mögliches Berufungsverfahren für die Opfer bedeuten würde: Würde es nicht deren Leiden zusätzlich steigern? Nicht unbedingt, lautete die Antwort, denn das Trauma sei ja ohnehin da. Dann würdigten die beiden Männer die Arbeit der Selbsthilfegruppen, die den Hinterbliebenen Rückhalt böten: Der Austausch mit einer Gruppe von Leuten, die Ähnliches durchgemacht habe, sei mitunter die einzige Gelegenheit, „wo sie einmal lachen können, ohne sich schuldig zu fühlen“.

          Dann erhielt der Angeklagte das Wort. Er nutzte es zu einem seiner Statements, die er im Laufe des Verfahrens so und ähnlich immer wieder gemacht hatte. Die beiden Herren seien womöglich die zwei besten Experten auf ihrem Gebiet in ganz Norwegen, begann Breivik. Da sei es doch bedauerlich, dass sie nichts über die traumatischen Erfahrungen junger Frauen gesagt hätten, die von Muslimen vergewaltigt worden seien, und die vielen Menschen, die der „Multikulturalismus“ in den Suizid getrieben habe.

          Am Morgen dieses Verhandlungstages hatte Kirsten Vesterhus unter Tränen den letzten Kontakt mit ihrem 21 Jahre alten Sohn Sohn Hårvard an jenem 22. Juli geschildert; er war einer der 69 Menschen, die Breivik auf Utøya ermordete. „Jetzt schießen sie“, lautete die letzte SMS an seine Eltern. Schuldunfähig oder nicht? Das Osloer Gericht will sein Urteil frühestens in vier Wochen verkünden.

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