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Attentat vor dem Ersten Weltkrieg : Wo ist P. begraben?

Letzte Ruhestätte: Das 1939 von der Serbischen Orthodoxen Kirche errichtete Grabmal für Gavrilo Princip und seine Mitverschwörer in Sarajevo Bild: Michael Martens

Im Zentrum der bosnischen Hauptstadt Sarajevo wurde am helllichten Tag ein Touristenpärchen erschossen. Für manche ist der Mörder ein Held, andere sehen in ihm einen Terroristen. Eine Spurensuche.

          Bosniens Hauptstadt wird immer europäischer. Die Scheidungsrate steigt, und auf dem Marschall-Tito-Boulevard im Stadtzentrum gibt es nach jahrelangen Verzögerungen nun einen McDonald’s. Zur Eröffnung sprach der bosnische Ministerpräsident und sagte, Bosnien gehöre jetzt zum Westen. Während die Menschen in Belgrad, Bukarest, Sofia, Skopje oder Chişinau längst Cheeseburger verzehren konnten, waren muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten in Bosnien die Segnungen der amerikanischen Küche verwehrt. Angeblich hatten sich die mächtigen Besitzer der alteingesessenen Imbissstuben in der Bašaršija, der osmanischen Altstadt Sarajevos, zu einem Ćevapčići-Trutzbund zusammengetan und Druck auf den Stadtrat ausgeübt. So wurde es jedenfalls erzählt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Eigentlich war Sarajevo aber schon früher ein europäischer Ort, ein alteuropäischer sogar. Nicht zufällig heißt das erste Haus am Platze seit 1882 „Hotel Europa“ und nicht „Hotel Istanbul“. Das nach einer Renovierung ganz auf Fin de Siècle getrimmte Café des Hotels, ein Treffpunkt von Politikern, Diplomaten, Journalisten und anderen Müßiggängern, ist selbstverständlich das „Bečka Kafana“ (Wiener Café), und als sei das nicht genug, ist die Konditorei daneben nach Mozart benannt. Mehr Kakanien geht nicht.

          „Treffen wir uns im Bečka Kafana“, hatte Herr Isek vorgeschlagen, und nun sitzt er am Tisch neben dem Haupteingang, hat einen kleinen Braunen vor sich und erzählt. Tomislav Isek ist Historiker und war bis zu seiner Pensionierung vor einigen Jahren Direktor des bosnischen Instituts für Zeitgeschichte. Von Herrn Isek erhoffen wir uns die Klärung eines Sachverhalts, wie man bei der Polizei sagen würde – und mit der Polizei hat die Angelegenheit durchaus zu tun, denn es geht um einen Mord, einen Doppelmord sogar. Die Ermittlungen dauern zwar noch an und sind in jüngster Zeit wieder einmal Gegenstand heftiger paneuropäischer Debatten, aber vorläufige Feststellungen sind immerhin möglich.

          Demnach ist am 28. Juni 1914 in Sarajevo ein österreichisches Touristenpärchen erschossen worden: Franz F. (50) und seine mitreisende Gattin Sophie (46). Wertgegenstände wurden nicht entwendet, aber für die Opfer kam jede Hilfe zu spät. Als Täter gilt ein gewisser Gavrilo P., zu dessen Nationalität aufgrund der Richtlinie 12.1 des deutschen Pressekodex („In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“) hier keine Angaben gemacht werden können. Selbst seine Glaubensgenossen bestreiten indes nicht, dass P. der Mörder war, denn sie sind stolz darauf, dass er mit seiner Tat die Welt verändert hat.

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