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Attentat in Tucson : Messer, Pistolen und andere Metaphern

Äußerte sich lange nicht zum Amoklauf in Arizona: Sarah Palin Bild: dpa

Sarah Palin hat nach dem Amoklauf von Arizona lange Zeit geschwiegen. Doch dann erwiderte sie Obamas Trauerrede, bevor der sie überhaupt gehalten hatte: Ihre Rhetorik habe mit dem Verbrechen nichts zu tun.

          Sarah Palin hat nach dem Attentat von Tucson lang geschwiegen. Dabei war sie in aller Munde. Sie hatte den 8. Wahlbezirk im Süden Arizonas, den die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords seit 2007 im Washingtoner Repräsentantenhaus vertritt, mit einem Fadenkreuz versehen. 19 weitere Wahlkreise waren auf der Landkarte so markiert; alle zwanzig sollten im November von den Demokraten zurückerobert werden. Nach dem Erfolg der Republikaner konnte die einstige Gouverneurin von Alaska und Vizepräsidentschaftskandidatin des Jahres 2008 einen großen Erfolg vermelden: Nicht weniger als 18 der 20 ins Visier genommenen Wahlkreise konnten republikanische Kandidaten – oft mit Unterstützung der rechtskonservativen „Tea Party“-Bewegung – von den Demokraten zurückerobern.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Gabrielle Giffords aber wurde vom politischen Gezeitenwechsel nicht hinweggeschwemmt. Sie verteidigte ihren Wahlkreis knapp gegen den von der „Tea Party“ unterstützten Repulikaner Jesse Kelly, einen Veteran des Marinekorps. Er hatte sich für Kampagnenfotos in voller Kampfmontur ablichten lassen und Anhänger sowie Unterstützer zu freien Schießübungen mit einem M-16-Sturmgewehr eingeladen. Gabrielle Giffords hatte in einem Interview beklagt: „Wir sind auf Sarah Palins Zielliste. Unser Wahlkreis ist mit einem Fadenkreuz versehen. Wenn Leute so etwas tun, müssen sie sich über die möglichen Konsequenzen im Klaren sein.“

          „Keine Blutanklage fabrizieren“

          Und war die schreckliche Konsequenz dieser militärisch aufgeheizten Wahlkampfrhetorik nicht der Mordanschlag vom 8. Januar? Hatte der 22 Jahre alte Attentäter Jared Loughner auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt nicht vollends „den Job erledigen“ wollen, den ihm Politiker wie Sarah Palin irgendwie aufgetragen hatten? So jedenfalls wurde schon am Tag des Attentats und des anschließenden Amoklaufs mit sechs Toten und weiteren 13 Verletzten von manchen demokratischen Politikern und von linken Medienkommentatoren insinuiert. Sarah Palin und ihresgleichen seien die geistigen Brandstifter gewesen.

          Trauern in Tucson: Der Oberste Richter Anthony Kennedy, die ehemalige Oberste Richterin Sandra Day O’Connor, der Praktikant von Gabrielle Giffords, Daniel Hernandez, Barack und Michelle Obama sowie der Ehemann von Frau Giffords, Mark Kelly (von links)

          Sarah Palin schwieg lange. Außer Mitleidsbekundungen für die Angehörigen der Opfer sowie Genesungswünschen für Gabrielle Giffords und die anderen Verwundeten war nichts von ihr zu hören – bis sie am Mittwochabend eine sieben Minuten lange Videobotschaft ins Internet stellte, die wie eine Vorab-Entgegnung auf Obamas Rede bei der Trauer- und Gedenkfeier am gleichen Abend in Tucson wirkte. In den Stunden nach einer Tragödie sollten Journalisten und Kommentatoren „keine Blutanklage fabrizieren“, die gerade „jenen Hass und jene Gewalt anstacheln, die sie zu verurteilen vorgeben“. Alles spreche dafür, dass „ein geistig verstörter und ganz offenbar unpolitischer Krimineller“ die Tat von Tucson begangen habe.

          Die Schuld nicht in der Gesellschaft suchen

          „Akte von monströser Kriminalität stehen für sich selbst, sie beginnen und enden mit jenen, die sie begehen“, sie würden gerade „nicht kollektiv von den Bürgern eines Staates verübt“, die von ihrem Verfassungsrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machten. Mit Ronald Reagan, dem Säulenheiligen der meisten Konservativen in Amerika, der selbst beim Mordanschlag eines geistig verwirrten Täters vom März 1981 nur knapp dem Tod entgangen war, sagt sie, man solle „nicht jedes Mal, wenn das Gesetz gebrochen wird, der Gesellschaft statt dem Täter die Schuld geben“.

          Zum Zeitpunkt, da Sarah Palin ihre Videobotschaft veröffentlicht und Präsident Barack Obama in Tucson seine Botschaft der nationalen Heilung und Aussöhnung in Tucson verliest, ist die Debatte über mögliche Ursachen der Tat und mutmaßliche Beweggründe des Täters freilich längst weiter. In einer Umfrage des Gallup-Instituts im Auftrag der Tageszeitung „USA Today“ äußern 53 Prozent der Befragten die Ansicht, dass hinter den Vorwürfen an Konservative und zumal an Sarah Palin im Zusammenhang mit der Tragödie von Tucson die Absicht stehe, den politischen Gegner anzuschwärzen; 35 Prozent meinen, es sei legitim, gerade nach dem Massaker vom Samstag darauf hinzuweisen, wie gefährlich Sprache sein könne.

          „Nicht nachgeben - nachladen!“

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