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Attac : Im Strudel des Mainstream

Teilnehmer des Berliner „Attac”-Kongresses: wenig revolutionär Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Sprachlose Globalisierungskritiker: Von der „Attac“ war in der Finanzkrise bisher wenig zu hören, ihre Positionen sind mittlerweile Mainstream. „Wir waren zu leise“ üben die Mitglieder der Organisation nun Selbstkritik und warten auf den Moment.

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          Bei der Eröffnung ist die Stimmung alles andere als revolutionär. Als eine ältere Dame aus dem Organisationskomitee ruft: „Vielleicht wird dieser Kongress ein Meilenstein in der Geschichte von ,Attac'“, da entschließen sich nur ein paar zu verhaltenem Applaus. Viele der 2000 Zuhörer, die zur Eröffnung des Kongresses „Kapitalismus - am Ende?“ der globalisierungskritischen Organisation „Attac“ gekommen sind, waren schon einmal an diesem Ort, vor mehr als 40 Jahren. Damals jubelten sie hier, im Audimax der Technischen Universität Berlin, Rudi Dutschke zu. Im März 2009 aber steckt ihnen der Schock der Finanzkrise spürbar in den Knochen. Auf Revolution gebürstet ist keiner. Selbst als sich Heiner Flassbeck, der Chef-Volkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung, in seiner Eröffnungsrede verhaspelt und sagt, man müsse die Bestandteile des Casino-Kapitalismus nun reparieren, gibt es nur zaghaft Protest. Flassbeck korrigiert sich eilig und sagt, „schließen“ müsse man die Casinos.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Den Mitgliedern von „Attac“ schien der Ausbruch der Finanzkrise lange die Sprache verschlagen zu haben, obwohl sie seit Jahren mit düsteren Visionen vor dem Kollaps gewarnt haben, der nun eintritt. Außer ein paar kleinen, kaum beachteten Protestaktionen war seit vergangenem Herbst nicht viel von ihnen zu hören. Vollends zu verwirren schien die Organisation, dass ihre ureigensten Forderungen wie jene nach einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte und der Schließung von Steueroasen plötzlich von Politikern aller Parteien erhoben wurden.

          Am Wochenende könnte nun ein erster Befreiungsschlag gelungen sein: „Attac“-Leute verteilten in 90 deutschen Städten 150 000 Exemplare eines Phantasieblättchens, das im Gewand der Wochenzeitung „Die Zeit“ daherkam. Darin entwerfen Publizisten von „Attac“ ein utopisches Bild der „anderen Globalisierung“. Als Erscheinungsdatum wird der 1. Mai 2010 genannt.

          Gefälschte „Zeit”: Erster Befreiungsschlag
          Gefälschte „Zeit”: Erster Befreiungsschlag : Bild: ddp

          „Gemischtwarenladen ohne Profil“

          Attac war im Jahr 1998 in Frankreich gegründet worden, um der Forderung nach der Einführung der sogenannten Tobin-Steuer, einer Abgabe auf internationale Devisengeschäfte, Nachdruck zu verleihen. Der Name „Attac“ steht für „Association pour une Taxation des Transactions financières pour l'Aide aux Citoyens“ - Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der Bürger. Aber die Nichtregierungsorganisation beschränkte sich nicht auf das Thema „globale Finanzmärkte“.

          Ihre stärksten Momente hatte sie, wenn es um anderes ging: Nach den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, gegen Hartz IV und gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm gewann „Attac“ in Deutschland Tausende Neumitglieder hinzu. Dabei habe sich die Organisation aber zu einem „Gemischtwarenladen ohne Profil“ entwickelt, sagte der Soziologe Dieter Rucht, der am Wissenschaftszentrum Berlin zu sozialen Bewegungen forscht und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von „Attac“ ist, Ende 2008.

          „Wir waren zu leise“

          Heute rächt sich das Tanzen auf zu vielen Hochzeiten. Weil „Attac“ seine Kernkompetenz vernachlässigt habe, sagt Rucht, gebe es dort „kaum kompetente Leute“, weshalb die Organisation in der Finanzkrise „über pauschale Forderungen bisher nicht hinausgekommen“ sei. Noch profitiert „Attac“ wenig von der Krise. In den vergangenen Monaten sind lediglich einige hundert Neumitglieder dazugekommen, insgesamt zählt die Organisation in Deutschland inzwischen mehr als 20 000 „Attacis“. „Die Menschen orientieren sich jetzt lieber an den Akteuren, die etwas bewegen können, wie die Regierungen“, sagt Rucht. Erst wenn die Menschen das Vertrauen in die Eliten verlören und falls die Krise sich drastisch zuspitzen sollte, würden soziale Bewegungen, allen voran „Attac“, großen Zuwachs erleben.

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