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Atomstreit mit Iran : Dosierte Eskalation

Bild: reuters

Iran hat damit begonnen, Uran jetzt höher anzureichern. Diese Eskalation verwundert zunächst, da die westlichen UN-Vetomächte in Kürze eine neue Iran-Resolution verabschieden wollen.Teheran erlaubt sich weitere Provokationen im Vertrauen darauf, dass Peking schärfere Sanktionen verhindern wird.

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          Ali Akbar Salehi hat am Dienstag Vollzug gemeldet. In Natans, teilte der Chef der iranischen Atombehörde mit, werde Uran jetzt höher angereichert. Da die westlichen UN-Vetomächte noch im Februar eine neue Iran-Resolution verabschieden wollen, mag diese Eskalation zunächst verwundern. Üblicherweise gibt sich Teheran in solchen Phasen gesprächsbereit, um seinen Fürsprechern Argumente zu liefern, warum die Staatengemeinschaft „gerade jetzt“ keine Strafmaßnahmen verhängen sollte.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Deshalb hat Salehi am Montagabend im Staatsfernsehen gesagt, man werde die neuen Aktivitäten in Natans abbrechen, sobald sich das Ausland doch noch zur Lieferung von Brennstoff für den Teheraner Forschungsreaktor bereit finde – zu Irans Bedingungen, versteht sich. Das dürfte genügen, um China in seiner Verweigerungsrolle zu bestärken. Bisher hatte sich Peking in dem Atomstreit meist hinter Moskau verstecken können, das sich Forderungen nach einer härteren Gangart öffentlich widersetzte. Jetzt aber halten sich die Russen bedeckt und signalisieren sogar, dass auch sie die Geduld mit Teheran verlieren.

          Verschärfte Sanktionen wird Peking verhindern

          Doch aus iranischer Sicht füllt Peking die Lücke und wirbt unermüdlich für die Fortsetzung des Dialogs. Amerika und die Europäer dürften daher im Sicherheitsrat allenfalls eine abermalige Verurteilung Irans durchsetzen können. Jede nennenswerte Verschärfung der Sanktionen wird Peking verhindern – und die westlichen Staaten mit der Frage zurücklassen, ob sie nun allein Handelsbeschränkungen verhängen wollen, während Chinas Industrie die iranische Kundschaft bedient.

          Viel spricht dafür, dass der Brennstoffmangel des Teheraner Forschungsreaktors Iran nur als Vorwand dient, seine Uran-Anreicherung auszubauen. Zwar ist es richtig, dass dem Reaktor, der Radionuklide für Krebstherapien herstellt, der Brennstoff ausgeht und dass dieser aus zu 19,75 Prozent angereichertem Uran herzustellen ist. Bisher hat Iran in Natans Uran zu etwa vier Prozent angereichert, was für den Betrieb von Leichtwasserreaktoren zur Stromerzeugung ausreichen würde (das einzige fast fertige Kraftwerk des Landes in Buschehr muss allerdings mit russischen Brennstäben betrieben werden).

          Um waffenfähiges Material zu erhalten, muss der Anteil des spaltbaren Uran-Isotops U-235 auf deutlich mehr als 80 Prozent erhöht werden. Technisch ist die weitere Anreicherung mit den in Natans installierten Gaszentrifugen möglich. Diese müssen dazu aber neu eingerichtet werden. Zudem erwarten Fachleute, dass die Ingenieure Probleme mit Verunreinigungen durch Luft- oder Wasserdampfkonzentrationen bekommen werden.

          Wie gut Iran die Anreicherung insbesondere mit neueren, leistungsfähigeren Zentrifugen beherrscht, ist unter westlichen Fachleuten umstritten. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hatte im November mitgeteilt, dass in der durch Kameras und Messgeräte sowie sporadische Kontrollen überwachten Anlage in Natans knapp 4000 der etwa 8700 installierten Zentrifugen in Betrieb gewesen seien. Das entsprach einer Verminderung um etwa 15 Prozent im Vergleich zum August 2009. Es verdichten sich Hinweise, dass es Iran an Uran-Erz fehlt. Inwieweit aber auch technische Probleme die jüngste Verlangsamung der Anreicherung verursacht haben, ist unklar. In westlichen Hauptstädten wird gestreut, ihre Geheimdienste sabotierten zunehmend erfolgreich die iranische Nukleartechnik.

          Ob Iran überhaupt in der Lage wäre, aus höher angereichertem Uran die im Teheraner Forschungsreaktor benötigten Brennelemente herzustellen, ist ungewiss. Der Bonner Fachmann Mark Hibbs ist der Ansicht, dass das erheblich schwieriger als die Anreicherung und mit erheblichem Aufwand verbunden wäre. Nicht zufällig gebe es nur wenige Unternehmen auf der Welt, die die benötigten Elemente herstellen. Der ehemalige IAEA-Inspekteur David Albright spricht dagegen von „Herausforderungen“, die Iran überwinden könne. Er gibt aber zu bedenken, dass langwierige Sicherheitstests erforderlich sind, bevor neuer Brennstoff guten Gewissens in einen Reaktor eingespeist werden kann.

          Ausland wolle Heilung der Leidenden verhindern

          In Iran werden nach Angaben europäischer Diplomaten in mehr als 200 medizinischen Zentren Krebspatienten nuklearmedizinisch behandelt. In letzter Zeit haben immer öfter iranische Funktionäre oder Politiker vor heimischem Publikum dem Ausland vorgeworfen, es wolle die Heilung der Leidenden verhindern, indem es die Lieferung der Brennelemente verweigere. Doch Iran ist weiterhin nicht bereit, in Vorleistung zu treten und 1200 Kilogramm schwach angereichertes Uran nach Russland transportieren zu lassen, um dafür binnen Jahresfrist die Brennelemente zu bekommen.

          Irans am Wochenende bekräftigte Ankündigung, in Jahresfrist gleich zehn weitere Anlagen zur Uran-Anreicherung zu bauen, ist erst recht nicht zum Nennwert zu nehmen. Wegen des UN-Embargos wird Iran nicht genug Bauteile für Zentrifugen bekommen, geschweige denn ausreichend Uran-Erz für deren Betrieb. Allein in Natans wäre ohnehin noch Platz für sechsmal so viele Zentrifugen, wie bisher dort installiert wurden. Erstens dürfte es um ein innenpolitisch motiviertes Signal der Entschlossenheit gehen. Zweitens entstünde durch den Bau von zig neuen Anlagen ein „anschwellender Lärm“ (David Albright), der es den ausländischen Geheimagenten erschweren würde, die entscheidenden Signale von dem störenden Hintergrundrauschen zu unterscheiden.

          Iran dürfte derzeit einen Vorrat von gut 2000 Kilogramm an schwach angereichertem Uran haben. Gelänge es Iran, dieses Material auf 20 Prozent anzureichern, dann hätte das Regime die größte Strecke auf dem Weg zum Nuklearsprengstoff zurückgelegt. Die meiste Trennarbeit, sagt Hibbs, sei bei einer Anreicherung von 20 Prozent geschafft. Albright schreibt, 500 bis 1000 Zentrifugen würden Iran dann genügen, um binnen weniger Monate genug waffenfähiges Uran für mindestens zwei Atombomben herzustellen. Die Anlage nahe Ghom, die Iran heimlich gebaut hatte, bietet Platz für etwa 3000 Zentrifugen.

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