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Atomkatastrophe in Japan : „Kein Anlass zu Optimismus“

  • -Aktualisiert am

Feuer auf dem Gelände von Fukushima I - in der Nähe von Reaktor 4 Bild:

Der Atomkatastrophe in Fukushima wird nun in einer Gefahrenstufe gesehen wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Japanische Wissenschaftler warnen ihre Regierung in einem Brief vor einer „extrem ernsten Situation“.

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          Den Vergleich von Fukushima mit Tschernobyl haben die japanische Atomsicherheitsbehörde, Wissenschaftler und Kernkraftwerksbetreiber lange von sich gewiesen. Andere Reaktortypen, andere Gefahr hieß es, und selbst im schlimmsten Fall würde sich die Radioaktivität nicht weit verbreiten. Am Dienstag musste die japanische Atomaufsichtsbehörde ihre Einstufung der Krise in Fukushima korrigieren. Sie hat den Unfall in Fukushima jetzt in die internationale Stufe 7 erhoben, er wird damit als genauso ernst betrachtet wie Tschernobyl.

          Wie schon in der Frage der Ausweitung der Evakuierungen hinken die japanischen Aufsichtsbehörden und die Regierung den Ereignissen hinterher — genauso wie den Ratschlägen und Einschätzung von außen, sei es von japanischen Wissenschaftlern, sei es von internationalen Organisationen.

          Diesmal, heißt es, habe es nicht genügend verlässliche Daten gegeben und deswegen habe man am 18. März erst einmal die Kategorie 5 angenommen.

          Nun kommt es zu einer paradoxen Situation: Am selben Tag, an dem die Atomaufsichtsbehörde ihre Einschätzung auf Kategorie 7 erhöht, verbreitet die Regierung, dass die Lage sich nicht verschlechtert habe und relativ stabil sei. Und während die Regierung davon spricht, dass bisher nur ein Zehntel der Radioaktivität ausgetreten sei, die damals in Tschernobyl entwich, und jetzt der Ausstoß an radioaktiven Elementen abnehme, sagte ein Sprecher von Tepco, dass die austretende Radioaktivität irgendwann sogar die von Tschernobyl übersteigen könnte. All das trägt nicht dazu bei, Klarheit zu schaffen und das Vertrauen in die Informationspolitik zu stärken.

          Wissenschaftler: Eine „extrem ernste“ Situation

          Auch in Japan sehen viele Wissenschaftler das Krisenmanagement kritisch und die Lage weit bedrohlicher als die Regierung sie darstellt. Schon vor zehn Tagen haben sich 16 japanische Wissenschaftler, darunter frühere Mitglieder der Atomkommission und der Atomaufsichtsbehörde, in einem Brief an die Regierung gewandt und vor einer „extrem ernsten“ Situation gewarnt.

          Sie schrieben, dass in Fukushima viel mehr radioaktive Substanzen liegen als damals in Tschernobyl. Sie warnten, dass weiter die Gefahr einer Kernschmelze bestehe oder dass es wieder zu einer Wasserstoff-Explosion kommen könnte. Dabei sei es möglich, dass größere Mengen an Radioaktivität austreten. Mehr Land als nur die gegenwärtige Evakuierungszone könnte unbewohnbar werden.

          Es bestehe kein Anlass zu Optimismus, sagte Shiori Ishino, Professor Emeritus der Tokio-Universität, einer der Unterzeichner des Briefes. Die meisten radioaktiven Materialien seien immer noch in den Reaktoren, wenn es nicht gelinge, die Reaktoren zu kühlen, könnten diese radioaktiven Substanzen austreten.

          Stromausfälle höchstgefährlich

          Ishino zeigte sich besonders besorgt über die Folgen der Nachbeben. Am Montag und Dienstag gab es schwere Beben der Stärke 7,1 und 6,3 in der Präfektur Fukushima. Am Montag hatten die Pumpen in Fukushima nach dem Beben für 50 Minuten keinen Strom. So etwas dürfe nicht passieren, sagte Ishino, das sei höchstgefährlich.

          Japan müsse dringend alle Fachkenntnisse nutzen und eine Infrastruktur schaffen, um Informationen auszutauschen, sagte Ishino. Es gebe Autoritäten in Japan zur Frage der Kernkraft, aber die Regierung frage sie nicht. Auch die Hilfe ausländischer Wissenschaftler werde nicht genügend genutzt. Bislang hätten Tepco und die japanischen Behörden noch kaum internationale Experten eingebunden.

          Die 16 Wissenschaftler haben auch vorgeschlagen, dass das Management von Tepco nach Fukushima verlagert werden sollte, um die Belastung mit den Arbeitern zu teilen. Bisher hat die Regierung auf den Brief noch nicht reagiert.

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