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Atomausstieg : Die Einstiegsfrage

  • -Aktualisiert am

Es ist kindisch, die Bundeskanzlerin ständig mit der Frage zu bedrängen, wann der Atomausstieg endlich da sein wird. Wichtiger wäre es zu erfahren, wie man sich das gelobte Land vorzustellen hat, das hinter der Brücke Kernenergie liegt.

          Spätestens eine Stunde nach der Abfahrt in den Italien-Urlaub fangen die Kinder auf dem Rücksitz an zu quengeln: Wann sind wir endlich da? Kleine Kinder haben eben noch kein Gefühl für Zeit und Entfernung. Bei Erwachsenen sollte man das aber voraussetzen. Deshalb ist es kindisch, die Bundeskanzlerin und ihre Koalition ständig mit der Frage zu bedrängen, wann der Atomausstieg endlich da und der letzte Meiler abgeschaltet sein wird. Wesentlich wichtiger wäre es, Klarheit darüber zu verlangen, wie man sich das gelobte Land vorzustellen hat, das hinter der Brücke namens Kernenergie liegt und auf welchen Wegen es die Bundesregierung zu erreichen hofft.

          Der neue Beschluss des CDU-Vorstands über den „beschleunigten Umstieg“ in der Energiepolitik gibt darauf im Wesentlichen dieselben Antworten wie das Energiekonzept, das vor der Laufzeitverlängerung im vergangenen Herbst verabschiedet wurde. Immerhin war dieses Konzept ausgereifter und detaillierter als die zuvor von Rot-Grün entwickelten Phantasien. Jetzt wird es lediglich mit diversen Dringlichkeitsmaßnahmen versehen. Hinter der Losung „Ausstieg so schnell wie möglich“ scheint nun ein energiepolitischer All-Parteien-Konsens in greifbare Nähe zu rücken. Das könnte sich als Illusion erweisen, wenn es um die Einzelheiten des „Einstiegs“ geht.

          Zwei Denkschulen im Streit

          Von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt, liegen hier nämlich zwei Denkschulen miteinander im Streit: Den einen, vor allem den Stadtwerken, geht es weniger um das Ausschalten der Kernkraftwerke als um das der großen Energieversorger. Sie möchten Deutschland dezentral mit Strom versorgen und brauchen dafür weder Solarkraftwerke in der Wüste noch „Stromautobahnen“. Die anderen können sich den „Umstieg“ auf erneuerbare Energien weiterhin nicht ohne Großkraftwerke – etwa Windparks im Meer – vorstellen und setzen darauf, dass dafür die Investitionskraft der Konzerne gebraucht wird.

          Beide Konzepte liegen meilenweit auseinander. Denn es ist alles andere als egal, ob der Netzausbau nun forciert werden muss oder nicht. Bisher haben sich weder die Grünen noch die Union in diesem keineswegs akademischen Streit eindeutig positioniert. Das werden sie aber tun müssen, bevor der „Ausstieg“ zementiert wird. Daraus wird sich dann auch ergeben, wann wir „endlich da“ sind.

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