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Asien : Neuer Sonnenschein über Korea?

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Sonnenscheinpolitiker: Kim Dae-Jung umarmt Nordkoreas Präsidenten Kim Jong-Il Bild: AFP

Ist mit dem „Vater der Sonnenscheinpolitik“, Kim Dae-jung, auch sein Politikansatz dahin? Oder wird der Versuch, das kommunistische Nordkorea durch Freundlichkeit zu einer allmählichen Öffnung zu bewegen, eine Renaissance erleben?

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          Ist mit dem „Vater der Sonnenscheinpolitik“, Kim Dae-jung, auch sein Politikansatz dahin? Oder wird der Versuch, das kommunistische Nordkorea durch Freundlichkeit zu einer allmählichen Öffnung zu bewegen, eine Renaissance erleben? Kims Politik ist oft mit der Ostpolitik Willy Brandts verglichen worden. Der Vergleich ist jedoch nur in einer Hinsicht treffend. Sowohl Kim als auch Brandt mussten im jeweils eigenen Land gegen heftige Widerstände ankämpfen. Während sich aber in Deutschland nach wenigen Jahren handfeste „menschliche Erleichterungen“ einstellten, entfaltete die von Kim Dae-jung und seinem Nachfolger Roh Moo-hyun betriebene Annäherung in Korea allenfalls auf wirtschaftlichem Gebiet überhaupt Wirkung.

          In Südkorea trug die „Sonnenscheinpolitik“ zur Emanzipation des kleinen Landes vom großen Verbündeten Vereinigte Staaten bei. Während Präsident George W. Bush Nordkorea wegen seiner Atompolitik auf der „Achse des Bösen“ verortete, knüpfte die Regierung in Seoul unbeirrt Gesprächsfäden nach Norden. Das war für das Selbstwertgefühl des in der Geschichte oft unterdrückten Volkes gut. Demonstrationen gegen Amerika waren nicht mehr zwingend mit dem Ruch des Landesverrats behaftet.

          Aber Kim Dae-jung erlitt das Schicksal vieler, die es gut meinen. Schon sein mit dem Friedensnobelpreis belohntes Meisterstück, das erste Gipfeltreffen mit dem nordkoreanischen Staatsführer Kim Jong-il im Jahre 2000, war mit einem Makel behaftet. Einige Jahre später stellte sich heraus, dass die Südkoreaner für das Treffen ein beträchtliches „Eintrittsgeld“ gezahlt hatten. Dass Nordkoreas Führung in solchen Dingen überaus lernfähig ist, erwies sich in den folgenden Jahren. Nord und Süd schlossen verschiedene Vereinbarungen. Und der reiche Süden zahlte. Er zahlte viel und anfangs auch gerne. Die erhofften Gegenleistungen aus dem Norden blieben jedoch in aller Regel aus. Zumindest tat Nordkorea nichts, was irgendwie nach Öffnung ausgesehen hätte. Das war vom Standpunkt Pjöngjangs nur folgerichtig, hatte man doch zu Beginn der neunziger Jahre mit Schrecken in der Sowjetunion gesehen, wohin Öffnung führen kann.

          Grundproblem der innerkoreanischen Annäherungsversuche war allerdings von Anfang an, dass der Norden die Regierung des Südens bestenfalls als „Türöffner“ für die wirklich wichtigen Gespräche, die mit den Vereinigten Staaten, sehen wollte. So hat die Epoche der „Sonnenscheinpolitik“ innerhalb Südkoreas sicher zur Entwicklung einer stabilen Demokratie beigetragen, vielleicht sogar die politische Kultur ein wenig befördert. Aber die damit verbundenen Hoffnungen und Ziele sind nicht erreicht worden. Die Enttäuschung darüber führte mit zur Wahl des Unternehmers und „Hardliners“ Lee Myung-bak zum Präsidenten im Dezember 2007.

          Lee wollte gegenüber dem Norden eine Politik nach dem Prinzip „Leistung gegen Gegenleistung“ einleiten. Das war eine verständliche Reaktion auf die mageren Ergebnisse der bisherigen Bemühungen. Aber niemand wird behaupten können, der konservative Präsident hätte Nennenswertes erreicht. Das ist ihm nur zum Teil anzulasten, denn Nordkorea hatte seine Propaganda schon in der Zeit zwischen der Wahl und der Amtsübernahme Lee Myung-baks im Februar 2008 auf Konfrontation umgestellt.

          Eine Rückkehr zur Vernunft stand und steht in Pjöngjang zunächst nicht auf dem Programm. Sie wäre für die absehbare Zukunft auch ein kleines Wunder, denn der innere Zustand Nordkoreas ist seit einigen Monaten deutlich unübersichtlicher geworden. Zwar tritt Staatsführer Kim Jong-il wieder öffentlich auf. Und angeblich hält er weiter alle Fäden der Macht in Händen. Aber diese Hände beginnen zu zittern. Und es ist durchaus nicht sicher, dass nach Kim Jong-il ein ebenso reibungsloser Übergang gelingt wie 1994, als sein Vater Kim Il-sung gestorben war.

          Mit einer verunsicherten Führung, die im Rest der Welt nichts als Feinde zu erblicken vermag, ist nicht leicht umzugehen. Sie wird für sich und andere schnell zu einer schwer berechenbaren Gefahr. Die vergangenen Monate mit ihren Atom- und Raketentests haben Einblicke in die Gedankenwelt der nordkoreanischen Führung gewährt, die niemanden beruhigen können.

          Deshalb ist die friedliche Einhegung eines potentiell hochgefährlichen Konflikts auf der koreanischen Halbinsel eine der wichtigen Aufgaben internationaler Politik. Südkorea und die anderen Nachbarn Nordkoreas sollten sich schnell auf eine Strategie verständigen, die einen geordneten Übergang der stalinistischen Festung in ein offeneres Land zulässt. Gespräche mit der gegenwärtigen Führung in Pjöngjang sind dabei nur von begrenztem Wert, solange diese ihre Gesprächspartner gegeneinander ausspielen kann. Eine neue „Sonnenscheinpolitik“ müsste deshalb zunächst über Nordkorea hinweg eingeleitet werden, um dann - ganz im Sinne Kim Dae-jungs - in Nordkorea zu sinnvollen Ergebnissen zu führen.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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