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Asien : Lehrmeister Tsunami?

Muslime zeigen Flagge bei Beerdigungen in Indonesien - aber nicht gegen Amerika Bild: dpa/dpaweb

Die Flutkatastrophe könnte Asien politisch zusammenführen, obwohl militante Separatisten auch durch die Flutfolgen nicht ernüchtert sind. Die Hilfe könnte zudem Amerikas Image verbessern sowie Europa in den Hintergrund drängen.

          7 Min.

          Nur weil die See etwas unruhig wurde, wollte der Verwalter von Ketimbang seine Stadt nicht im Stich lassen. Erst als er draußen auf dem Meer sah, wie heftig die "Loudon" schaukelte, und wenig später die erste Riesenwelle herandonnerte, entschied er sich anders. Gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern rannte er so schnell wie möglich Richtung Berge. Als bei Sonnenuntergang ein Angestellter mit letzter Kraft das Bergrefugium des Verwalters erreichte, hatte er Furchtbares zu berichten: Nicht nur das Wohnhaus, ganz Ketimbang war verschwunden.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das geschah am Abend des 27. August 1883. Am Morgen war vor der Südküste Sumatras der Krakatau-Vulkan ausgebrochen. Während über dem Schlund die Lavasäule immer höher in den Himmel stieg, begann unter dem Berg das Meer zu rumoren und eine gewaltige Flutwelle auszubrüten. Als der Verwalter, der Willem Beyerinck hieß und einst die holländische Kolonialmacht in Ketimbang repräsentierte, die weltweit ersten Berichte in die Hauptstadt Batavia kabelte, ahnte er langsam, daß er Zeuge einer historischen Naturkatastrophe geworden war.

          Aber das ganze Ausmaß war erst Tage später zu erfassen: 36.000 Tote, ausgelöschte Inseln, Städte und Dörfer, ein Temperatursturz in Indonesien, veränderte Himmel in amerikanischen und europäischen Metropolen. "Es war der Tag", schreibt Simon Winchester in seinem Buch "Krakatau" (Albrecht Knaus Verlag), "an dem das Phänomen der Moderne - bekannt als ,global village' - geboren wurde". Tatsächlich gilt der Ausbruch des Krakatau vor 122 Jahren als erste Weltkatastrophe des herannahenden Informationszeitalters. Mit Hilfe der Telegraphie konnten schon am nächsten Tag Zeitungen in New York, Paris und Berlin ihre Leser über die Eruption informieren. Wissenschaftler in aller Welt machten sich an die Ursachenforschung und tauschten sich über die geologische Lage an so fremd klingenden Orten wie Java, Sumatra und Sunda aus. In den Salons Europas und Amerikas entstanden Prosatexte und Gedichte, die sich literarisch mit den Auswirkungen des Vulkanausbruchs beschäftigten.

          Schon 1883 nach Vulkanausbruch internationale Hilfe

          Sogar die Hilfsaktionen hatten internationales Format. In Batavia, dem heutigen Jakarta, gab der berühmte "Wilson's Great World Circus" Benefizvorstellungen zugunsten der Flutopfer. Der holländische König entsandte Schiffe mit Decken, Zelten und Nahrungsmitteln, welche die Bürger vorher eingesammelt hatten. Selbst aus dem Osmanischen Reich, genauer von der arabischen Halbinsel, machten sich Prediger auf den Weg, um den muslimischen Glaubensbrüdern in Indonesien, den Opfern und Angehörigen Trost zu spenden.

          Aber nicht Trost allein - und hier beginnt die andere, die politische Dimension der Naturkatastrophe. Der Krakatau-Ausbruch stärkte nämlich auch die fundamentalistischen Strömungen des indonesischen Islams und beflügelte die Erhebung gegen die holländische Kolonialmacht, die schließlich 1949 in die Unabhängigkeit führte.

          Die Lehre Mohammeds hatte sich im Inselreich erst spät verbreitet. Als arabische Händler im 13. Jahrhundert über Indien nach Sumatra kamen und die Indonesier mit dem Islam vertraut machten, stießen sie auf eine Kultur, die von hinduistischen, buddhistischen und animistischen Elementen geprägt war. Die Ideen, Riten und Götter verschmolzen miteinander, und auch wenn sich heute etwa 190 der 230 Millionen Indonesier als Muslime führen lassen, ist doch von Orthodoxie wenig zu spüren.

          Strömungen für den „reinen Islam“ gestärkt

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