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Armutsberichte : Arme Kinder

  • -Aktualisiert am

Vierzig Prozent der Kinder von Alleinerziehenden leben in dauerhafter Armut Bild:

Der beste Schutz gegen Kinderarmut ist die Erwerbstätigkeit zumindest eines Elternteils. Vorübergehende Einkommensarmut schadet Kindern nicht nachhaltig - sofern ihre Eltern nicht resignieren. Gegen die Neigung, sich in der Frustration einzurichten, sind aber mehr Anreize zur Arbeit nötig.

          Armutsberichte werden derzeit mit geradezu inflationärer Häufigkeit veröffentlicht. Ende Juni billigte das Kabinett den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Ende Mai hatte Arbeitsminister Scholz (SPD) die ersten Zahlen daraus vorgetragen; eine Woche später präsentierte Familienministerin von der Leyen (CDU) eigene Daten. Der Unicef-Bericht zur Lage von Kindern in Deutschland befasste sich mit den Auswirkungen von Armut. In der parlamentarischen Sommerpause wird das Finanzministerium noch den Existenzminimumbericht fertigstellen.

          Die Daten, die Scholz und Frau von der Leyen vorlegten, klafften weit auseinander, ebenso beider Interpretationen: Scholz behauptete, jeder achte Deutsche sei arm, womit bewiesen sei, dass Deutschland den Mindestlohn brauche. Frau von der Leyen sagte, jedes sechste Kind sei arm. Da das Armutsrisiko in Familien mit drei und mehr Kindern stark ansteige, sei eine Staffelung des Kindergeldes zugunsten großer Familien nötig. Dies ist eines ihrer wichtigsten Ziele für die verbleibenden Monate der Legislaturperiode. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, durchaus keine Lobbyorganisation für Hartz-IV-Empfänger, hält sogar jeden vierten Heranwachsenden für arm. Ist Armut in einem der wohlhabendsten Länder der Erde tatsächlich ein so drängendes Problem, wie es diese Berichte nahelegen?

          Kein Wille zum Aufstieg

          Die im Sozialsystem umverteilten Milliarden steigen zwar Jahr um Jahr an, doch sie erzielen nicht die erhoffte Wirkung. Natürlich ginge es vielen Menschen ohne Kinderzuschlag, Arbeitslosengeld II und Wohngeld noch viel schlechter. Doch gelingt es zu wenigen Hilfeempfängern, ihren Status in überschaubarer Zeit wieder zu verlassen. Zu häufig rutschen Familien für mehrere Generationen ins wirtschaftliche und soziale Abseits.

          Phasen vorübergehender Einkommensarmut schaden Kindern nicht nachhaltig - sofern ihre Eltern nicht resignieren, also weiterhin mit den Kindern aufstehen, ihnen Schulbrote schmieren, die Hausaufgaben nachsehen, (preiswerte) Freizeitaktivitäten unternehmen. Häufig ist aber das Gegenteil der Fall: Mit demselben oder einem ähnlichen Haushaltseinkommen verhalten sich Harz-IV-Empfänger eher konsumorientiert, leben ungesund und klagen dabei über zu wenig Geld, während Menschen, die ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften, eher auf Konsum verzichten, mehr in Bildung investieren und gesünder leben. Der dauerhafte Empfang von Sozialleistungen hat bei vielen Betroffenen schlimme Folgen: Der Glaube daran, sein Leben gestalten zu können, der Stolz, die wirtschaftliche Verantwortung für eine Familie zu schultern, gehen verloren, Bildungsanstrengungen, die mit den Kindern unternommen werden könnten, unterbleiben. Mit solchen Vorbildern aufzuwachsen ist eine Benachteiligung für sich.

          Kurt Beck brach Ende 2006 ein sozialdemokratisches Tabu, als er sagte, Deutschland habe ein „Unterschichtenproblem“. Die Studie, auf die er sich bezog, zählte acht Prozent der Bevölkerung und zwanzig Prozent der Ostdeutschen zum „abgehängten Prekariat“. In dieser Gruppe sei nicht einmal mehr der Wille zum Aufstieg vorhanden. Karrieren wie die von Gerhard Schröder, der es als Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau zum Bundeskanzler brachte, sind Geschichten von gestern.

          Grundrecht auf einen Hauptschulabschluss wäre keine Lösung

          Heute ist nicht einmal gesichert, dass ein Kind mit schlechten Startbedingungen auch nur den Hauptschulabschluss bekommt. Achtzigtausend Jugendliche, knapp zehn Prozent eines Jahrgangs, verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. Bei Kindern aus eingewanderten Familien ist dieser Anteil noch erheblich höher. Aus solchen frühzeitig abgebrochenen Bildungswegen entsteht fast zwangsläufig neue Armut. Nach der langen Beschäftigung mit Exzellenzinitiativen müssen deshalb die Bildungsgrundlagen stärker in den Blick genommen werden: Ganz unten gibt es mindestens ebenso viel Nachholbedarf wie ganz oben. Ein Grundrecht auf einen Hauptschulabschluss, wie es die SPD vorschlägt, wäre sicher nicht die richtige Lösung. Schon jetzt hat nur die Hälfte der Hauptschüler zwei Jahre nach dem Abschluss eine Lehrstelle. Würde das Zeugnis „verschenkt“, wäre die Quote noch schlechter.

          Gegen die Neigung, sich in der Frustration einzurichten, sind mehr Anreize zur Arbeit nötig. Steuern und Sozialabgaben steigen bei geringfügigen Beschäftigungen jenseits der 400-Euro-Grenze zu schnell an. Wegen des geringen Abstands zur Höhe der Sozialleistungen erscheint vielen die Aufnahme einer niedrig entlohnten Tätigkeit nicht lohnend genug. Dabei ist der beste Schutz gegen Kinderarmut die Vollzeiterwerbstätigkeit zumindest eines Elternteils. Das größte Armutsrisiko für Kinder überhaupt sind aber Scheidungen. Vierzig Prozent der Kinder von Alleinerziehenden leben in dauerhafter Armut, aber nur fünf Prozent der Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen. Hier wird offenkundig, dass es eine Elternverantwortung gibt, die kein Sozialstaat abnehmen kann: Blieben mehr Paare zusammen, gäbe es deutlich weniger arme Kinder - von den seelischen Kosten einer Trennung ganz zu schweigen.

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