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Armut : Ausgeschlossen aus dem Ganzen

Es gebe keine Schichten in Deutschland, sagt Franz Müntefering Bild: ddp

Deutschland ist eine Klassengesellschaft. Schuld daran trägt der Wohlfahrtsstaat, der die Ungleichheit verfestigt. Aber eines, das zeigen Statistiken, ist dieses gerade entdeckte „Prekariat' gewiß nicht: arm.

          3 Min.

          Im Jahr 1932 reisten Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld nach Marienthal, einem kleinen Ort in der Nähe Wiens. Nahezu alle Erwerbspersonen dort waren arbeitslos geworden, nachdem die einzige Fabrik schließen mußte. In den vielen Interviews, welche die beiden Sozialforscher führten, spiegelt sich die traurige Lage der Arbeitslosen von Marienthal.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Männer benötigten für eine Tätigkeit, die unter normalen Umständen zehn Minuten in Anspruch nahm, einen halben Tag - und kamen nie mehr pünktlich zum Mittagessen. Ihr Ich war zusammengebrochen.

          „Apathische“ Familien

          Die „Arbeitslosen von Marienthal“ sind ein Klassiker in der Literatur der Sozialforschung. Um Armut geht es dabei nicht. Denn die Arbeitslosen erhielten von den staatliche Behörden eine auskömmliche Unterstützung. Aber sie konnten ihrem Leben keinen Sinn mehr abgewinnen.

          Während wenige „ungebrochene“ Familien noch Pläne machten und Lebenslust versprühten, hatten die „resignierten“ Familien trotz relativen Wohlbefindens keine Beziehung mehr zur Zukunft. Und in den „apathischen“ Familien „läßt man den Dingen ihren Lauf, ohne den Versuch zu machen, etwas vor dem Verfall zu retten“.

          Sie haben die Hoffnung aufgegeben

          „Abgehängtes Prekariat“ würden heutige Sozialforscher jene Menschen nennen, mit denen Jahoda und Lazarsfeld 1932 gesprochen haben. „Unterschicht“ soll man zu ihnen nicht sagen dürfen, sagt der Arbeitsminister Franz Müntefering. Denn es gebe keine Schichten in Deutschland.

          Aber Menschen, „die es schwer haben“, die habe es immer schon gegeben, sagt Müntefering. Das stimmt, blickt man nach Marienthal in den dreißiger Jahren. Acht Prozent der Bevölkerung rechnet jene Studie der Friedrich- Ebert-Stiftung, die in der vergangenen Woche so viel Furore machte, dieser „prekären“ Gruppe zu: Meist haben sie keine Arbeit mehr, häufig hatten sie noch nie eine Arbeit, und besonders häufig leben sie in Ostdeutschland.

          Sie haben den gesellschaftlichen Abstieg erfahren, fühlen sich sozial ausgeschlossen und haben die Hoffnung aufgegeben, es könnte in ihrem Leben noch einmal besser werden. Nur eine Trennung vom geliebten Partner empfinden die Menschen ähnlich hart wie die Arbeitslosigkeit. Sie schmerzt nach zwei Jahren genauso wie am Anfang; man gewöhnt sich nie daran.

          „Man wollte die Kritiker ruhigstellen“

          Aber eines ist dieses neue Prekariat gewiß nicht: arm. Die Statistik (siehe Grafik rechts unten) belegt, daß der Anteil der Armen - das sind jene, die nach einer ziemlich fragwürdigen Definition weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben - hierzulande bereits vor 15 Jahren bei über 11 Prozent der Bevölkerung gelegen hat.

          Heute liegt er nicht sehr viel höher. Im Gegenteil: Gerade nach den Hartz-Reformen, die jetzt für die Entstehung einer neuen Unterschicht verantwortlich gemacht wurden, stehen sich viele Sozialhilfeempfänger sogar besser als vor der Reform. Denn der Regelsatz wurde beim Arbeitslosengeld II von 282 auf 345 Euro erhöht. „Man wollte die Kritiker von Hartz IV ruhigstellen“, sagt der hannoversche Finanzwissenschaftler Stefan Homburg. Und hat den Reformen den Nimbus des sozialen Kahlschlags doch nicht nehmen können.

          Depression des abgehängten Prekariats

          Dabei ist es für viele Menschen offenbar erträglicher, Arbeitslosengeld II statt Stütze zu beantragen. Das führt dazu, daß Hartz IV den Steuerzahler in diesem Jahr statt der geplanten 14,6 Milliarden etwa 26 Milliarden Euro kosten wird. Was als Symbol gnadenlosen Sozialabbaus gefürchtet wird, ist in Wirklichkeit ein großzügiger Ausbau des Sozialstaats geworden. Noch mehr Geld, wie es die Ex-Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer jetzt fordert, würde also kaum etwas an der Depression des abgehängten Prekariats ändern.

          Sogar die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat inzwischen festgestellt, daß nirgendwo so viel Geld vom Staat umverteilt wird wie in Deutschland. Wie kommt es, daß die Ergebnisse doch zugleich so deprimierend sind?

          Sie fühlen sich „ausgeschlossen von der Gesellschaft“

          Der Hamburger Soziologe Heinz Bude vermutet, daß das mit der fehlenden „sozialen Mobilität“ hierzulande zu tun hat. Das deckt sich mit Ergebnissen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach mehr als die Hälfte jener Menschen, die schon 1995 zur Unterschicht zählten, auch heute noch darin verharrt.

          Bude hat jetzt am Hamburger Institut für Sozialforschung über die Ergebnisse einer großangelegten Unterschichtenbefragung berichtet. Die Menschen erzählen, sie seien rasch überfordert, fühlten sich „ausgeschlossen vom Ganzen der Gesellschaft“ und hätten das Vertrauen in die Zukunft verloren. „Der deutsche Wohlfahrtsstaat erkauft Versorgungsansprüche mit Teilhabesperren“, sagt Bude.

          Der Staat entmündigt sie

          Einfacher formuliert: Der Verteilungsstaat stellt jene, die aus der Gesellschaft herausfallen, mit Geld still und entmündigt sie - trotz bester Absicht. Es sind die langen Sozialhilfekarrieren, die auf Dauer jeden Gedanken daran töten, es könnte auch einmal ein anderes Leben geben. Und das staatlich auf diese Weise festgelegte finanzielle Anspruchsniveau erstickt Antrieb und Selbständigkeit.

          „Wer zwar in günstigen Verhältnissen lebt, dies aber nicht auch so sieht und von Zukunftsängsten geplagt wird, empfindet sich trotz günstiger Gegenwartslage eher als sozial ausgeschlossen“, sagt der Soziologie Bude dazu. Und läßt sich das auch nur schwer wieder ausreden.

          Schicksalhafte Ungerechtigkeiten

          Alberto Alesina, ein an der amerikanischen Harvard-Universität lehrender italienischer Ökonom, urteilt noch ein paar Grad radikaler. Umverteilung, der deutsche Weg des Sozialstaats, ist für Alesina nicht Therapie, sondern vielmehr Ursache der sozialen Immobilität.

          Gesellschaften wie Deutschland, die daran glauben, daß wirtschaftlicher Erfolg von Zufall oder Klasse - aber weniger von der eigenen Leistung - entschieden werde, halten die Umverteilung für ein Mittel zum Ausgleich schicksalhafter Ungerechtigkeiten. Sie wollen Gleichheit herstellen, aber erhalten das Gegenteil: eine Klassengesellschaft.

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