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Argentinien vor der Wahl : Kirchners Staat

„Ich liebe dich, Lanús“ - und eine Hommage an Cristina und Néstor Kirchner Bild: David Klaubert

Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner hat ihr Land fest im Griff. Aber bei der Wahl am Sonntag darf sie nicht mehr antreten. Wird ihr mutmaßlicher Nachfolger nur eine Marionette sein?

          Es ist Samstagmorgen, Wahlkampf in Villa Ilaza und Ramón, ein kräftiger Kerl, Silberkettchen und Basecap, schaufelt Beton in ein Loch. Einen knappen Meter ist es tief, darin steht ein gelbes Gestänge, ein Klettergerüst. In der ganzen Straße herrscht Trubel. Es wird geschweißt, gepinselt, gegrillt. Junge Leute in hellblauen Pullovern. „Im Lauf der Zeit gewinnt nur die Organisation“, steht bei einem auf dem Rücken, daneben eine Zeichnung des früheren argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner in einer Art Raumanzug. „Immer an Cristinas Seite“ prangt auf einer Hauswand. Und gegenüber wird gerade ein mannshohes Graffito fertig, ein innig aneinander geschmiegtes Paar, die Nasen etwas zu lang, trotzdem sind auch hier zu erkennen: Cristina und Néstor Kirchner.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Bei der Präsidentenwahl am kommenden Sonntag tritt keiner der beiden an. Néstor Kirchner ist 2010 verstorben. Und Cristina Fernández de Kirchner darf nun, nach zwei Amtszeiten, nicht mehr. Trotzdem ist das Paar nicht nur in Villa Ilaza allgegenwärtig. Zwölf Jahre lang haben die beiden Argentinien geprägt. Nach dem Staatsbankrott, in einer der schwersten Krisen des Landes, war Néstor Kirchner, damals Gouverneur von Santa Cruz in Patagonien, als ziemlich unbeschriebenes Blatt in den Präsidentenpalast gewählt worden. „Pinguin“ wurde er spöttisch genannt. Doch den Kirchners gelang es, das Land in eine Phase der Stabilität zu führen. Zugleich aber spalteten sie mit radikalen Maßnahmen und einem absolut zentristischen Staatsverständnis die Gesellschaft. Zur Unterstützung ihres „Kirchnerismus“ schufen sie sich eine eigene Jugendorganisation: „La Cámpora“. An der Spitze: Sohn Máximo.

          Der Wahlkampf der Jugendbewegung „La Cámpora“ im Armenviertel Villa Ilaza ist eine sehr praktische Angelegenheit. Bilderstrecke

          „Ohne die Cámpora würde hier im Viertel nichts passieren“, sagt Ramón. Auf seinem Handy zeigt er ein Foto, ein Selfie mit Kumpels vor einem Müllberg. Bis vor ein paar Jahren kamen die Wagen der Müllabfuhr nicht nach Villa Ilaza. Dann halfen die Jungs von „La Cámpora“, die Lehmstraße zu teeren. Nach dem letzten Hochwasser verlegten sie in den engen Gassen zwischen den Häusern Abflussrohre. Und da, wo vor nicht allzu langer Zeit noch Straßenköter im Abfall wühlten, bauen sie Spielgeräte und Sitzbänke auf.

          Villa Ilaza ist ein kleines Armenviertel, rohe Ziegel, Wellblech, Stromkabelwirrwarr. Es liegt an einer rostigen Eisenbahnlinie im sogenannten Conurbano, einem Gürtel zum Teil riesiger Vorstädte um Buenos Aires. Allein in Lanús, südlich der Hauptstadt, wozu Villa Ilaza gehört, leben mehr als 450.000 Menschen. Gewachsen während der Industrialisierung Argentiniens, ist es heute geprägt von heruntergekommenen Fabrikhallen, Arbeitersiedlungen und eben „Villas“, Armenvierteln.

          Die Kader bekommen gut bezahlte Posten

          Ramón ist hier aufgewachsen. Als kleiner Junge, erzählt er, sei er zwanzig, dreißig Blocks weit gelaufen, um Platz zum Spielen zu finden. Inzwischen ist er zwanzig, seit einem Monat selbst Vater. Er hat auf dem Bau geschuftet und als Lastwagenfahrer. Dann war er ein paar Monate arbeitslos – bis er sich „La Cámpora“ anschloss. Über die Kontakte der Gruppe bekam er eine Stelle in einem staatlichen Programm zur Drogenprävention. Er versucht nun die Halbstarken in Ilaza davon abzuhalten, Paco zu nehmen, Crack, das sich seit ein paar Jahren in den Villas ausbreitet wie eine Seuche.

          Doch nicht nur an der Basis ist „La Cámpora“ hilfreich bei der Arbeitssuche. Staatsbetriebe, Behörden, Geheimdienst und Ministerien sind bis ganz oben mit Camporistas durchsetzt. Finanzminister Axel Kicillof gehört dazu. Die staatliche Nachrichtenagentur Telam wird von einem Camporista geführt, ebenso die 2008 wiederverstaatlichte Fluggesellschaft Aerolíneas Argentinas. Und das nicht unbedingt zum Vorteil der Unternehmen: Im vergangenen Jahr machte Aerolíneas mehr als 400 Millionen Euro Verlust. Keine andere Fluglinie weltweit hat so viele Beschäftigte pro Flugzeug; gut bezahlte Posten für treue Kader, sagen Kritiker.

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