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Argentinien : Experte: Dollarisierung holt Geld aus den Sparstrümpfen

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Buch: Bekämpfung der Schattenwirtschaft treibt Leute auf die Straße Bild: dpa

Die argentinische Wirtschaft brauche die Dollarisierung, sagt der Präsident der deutsch-argentinischen Handelskammer im FAZ.NET-Gespräch.

          2 Min.

          Argentinien versinkt im Chaos. Als Auslöser gilt der rigide Sparkurs der zurückgetretenen Regierung de la Rúas. Im Moment ist der argentinische Peso im Verhältnis 1:1 an den amerikanischen Dollar gebunden. Als Maßnahme zur wirtschaftlich Stabilisierung des Landes, das kurz vor dem Staatsbankrott steht, favorisiert Andrés von Buch die Dollarisierung. FAZ.NET sprach mit dem Präsidenten der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer.

          Herr von Buch, es gibt verschiedene politische Szenarien nach dem Rücktritt de la Rúas. Welches halten Sie für das Erfolgsversprechendste, um das Land wieder zu stabilisieren?

          Je mehr Parteien im Kabinett vertreten sind, desto glaubwürdiger wird es sein und desto mehr Rückhalt in der Bevölkerung wird es haben. Und damit werden auch die wirtschaftlichen Maßnahmen, die dann getroffen werden, Rückhalt in der Bevölkerung finden.

          Könnte es sein, dass der rigide Sparkurs des zurückgetretenen Wirtschaftsministers Cavallo nicht fortgesetzt und die IWF-Auflagen nicht erfüllt werden?

          Der rigide Sparkurs hat eine große Akzeptanz in der Bevölkerung und unter den Politikern. Einig ist man sich nur nicht, wo gespart werden soll. Die jeweilige Entwicklung hängt nun davon ab, ob Politiker ernannt werden, die Autorität und Akzeptanz in der Bevölkerung, in politischen- und in Unternehmerkreisen haben.

          Aber der Sparkurs gilt als Auslöser der aktuellen Krawalle. Sehen Sie das anders?

          Der Auslöser ist nicht so sehr der Sparkurs als die neue Regelung, dass man nur noch 250 Dollar pro Woche von einem Konto abheben darf. Die Schattenwirtschaft in Argentinien macht ungefähr 30 Prozent der Wirtschaft aus. Im Moment ist die Zahlungsfähigkeit dieses ganzen Sektors unterbrochen. Die Unternehmer können ihre Angestellten nicht mehr bezahlen. Das hat zu den Unruhen geführt.

          Sind von der aktuellen Krise auch die Handelsbeziehungen zu Deutschland betroffen?

          Die hartnäckige Rezession, die in Argentinien eigentlich eine Depression ist, dauert jetzt schon seit Juni 1998. In diesem Jahr sind die Exporte Argentiniens weiterhin gestiegen, die Importe jedoch um 14 Prozent gefallen. In dieser Hinsicht sind die Handelsströme unterbrochen.

          Das betrifft dann vor allem auch Deutschland als drittgrößten Importeur Argentiniens.

          Vor allem auf der Kapitalgüterseite, weil die Investitionen in Argentinien zur Zeit alle auf „Abwarten“ gestellt sind. Im Moment wird einfach Cash-Management gemacht und abgewartet, was passiert.

          Ziehen sich schon Firmen vom argentinischen Markt zurück?

          Nein, bisher nicht.

          Der argentinische Peso ist 1:1 an den Dollar gekoppelt. Es gibt Modelle, den Dollar einzuführen oder den Peso zu entkoppeln. Wozu raten Sie?

          Wenn Sie Dollarisieren, verliert das Land die monetäre Souveränität. Aber es hätte für Argentinien den großen Vorteil, dass die 2,5 bis 3,5 Prozent des Bruttosozialproduktes, die zur Zeit in Dollarscheinen in Privathaushalten aufbewahrt werden, wieder zu den Banken gelangen. Wir haben dieses Jahr einen Depositenabfluss von 18 Milliarden Dollar gehabt, davon sind immerhin noch acht Milliarden Dollar bar vorhanden und würden wieder in den Geldkreislauf gelangen. Mit diesem Geld könnten die Banken wieder Kredite gewähren.

          Würde die Dollarisierung die Wirtschaft anregen?

          Jegliche Kursschwankungen wären ausgeschlossen, eine Entkopplung der lokalen Währung nicht mehr möglich. Das bedeutet, dass die Einlagen der Banken erhöht und die Zinssätze verringert würden. Der Zinssatz ist zur Zeit bei 40 Prozent Dieser hohe Zinssatz verhindert Investitionen. Die Depositen wieder zu erhöhen und den Zinssatz zu senken sind wesentliche Maßnahmen, um Investitionen anzuregen.

          Welche Auswirkungen hätte eine Abkoppelung des Peso?

          Mit einem Flowting des Peso könnten diese Maßnahmen nicht so schnell erreicht werden wie mit einer Dollarisierung. Bei einem Flowting wartet jeder erst mal ab, wie weit die Entwertung reicht und ob es in dieser instabilen Situation ein Overshooting gibt, wie es zum Beispiel in unserem Nachbarland Brasilien zu sehen war.

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